Die Türkei hat sich im Flüchtlings-Deal bislang als verlässlicher Partner erwiesen. Sie hat ihre Seegrenze dichtgemacht und die rechtlichen Bedingungen für die Rückweisung illegal nach Griechenland gereister Flüchtlinge geschaffen. Wenn sie nun darauf pocht, dass auch die EU ihre Versprechen hält, ist das umso verständlicher. Zumal es sich bei der Visa-Freiheit um etwas handelt, dass dem Land als EU-Beitrittskandidat eigentlich schon seit Jahren zusteht.

Trotzdem ist ein solches Zugeständnis heikel. Was, wenn in der Türkei ein Bürgerkrieg ausbricht, wenn Tausende vor einem immer autokratischer agierenden Staatschef fliehen, wenn sich auch Islamisten schrankenlos im Schengenraum bewegen? Mit einer türkisch-europäischen Visa-Freiheit müssen uns solche Fragen beschäftigen.

Gewiss: Massenflucht und terroristische Infiltration sind Angst-Szenarien. Doch der Rechtsrutsch in der europäischen Wählerschaft lässt die Regierungen für solche Töne hellhörig werden. Da könnte eine Art Schutzklausel, die je nach Festlegung der Kriterien mal schnell, mal weniger schnell aktiviert wird, gelegen kommen. Zack – und die Visa-Freiheit nehm ich dir. Ob sich der starke Mann am Bosporus solche halben Sachen gefallen lässt, ist fraglich. Für Erdogan ist die Visa-Freiheit ein aussenpolitischer Meilenstein und ein Prestige-Projekt, das er sich unbedingt in seinen Leistungsausweis schreiben möchte. Und auf Prestige gibt er ja viel.

Für die EU geht es nun darum, ihre Mitglieder auf Linie zu halten. Immerhin haben die Staats- und Regierungschefs aller 28 Mitglieder dem Deal mit der Türkei zugestimmt – und damit auch der Visa-Freiheit. Auch an einen schlechten Deal sollte man sich halten.