Herbst

Was ist Nebel?

Werner Eugster forscht am Institut für Agrarwissenschaften der ETH Zürich. Dabei geht er dem Nebel in all seinen Facetten auf den Grund.

Interview mit Werner Eugster

Was ist Nebel?
Nebel besteht aus kleinen Wassertröpfchen, die meist kleiner als 50 Mikrometer sind. Das entspricht dem Durchmesser eines normalen Haars. 

 

Diese Tröpfchen sind zu klein, um wie Regentropfen auf die Erde zu fallen, darum werden sie mit dem Wind transportiert und setzen sich erst auf Pflanzen, Tieren und Menschen ab, wenn der Wind ein Tröpfchen an sie heranbringt.

Was sind die positiven und negativen Seiten des Nebels und welchen Einfluss hat dies für die Umwelt und den Menschen?
Winternebel ist für die Vegetation von Vorteil, denn durch ihn kühlt der Boden nicht zu stark ab. Schlimme Fröste bleiben (eher) aus. Nebel brauchen wir nicht zwingend, aber wenn man bedenkt, dass Nebel und Wolke dasselbe sind, nur mit dem Unterschied, dass der Nebel eine Wolke ist, die den Erdboden berührt und den Beobachter umhüllt und ihm die Sicht nimmt, dann sind Nebel oder Wolken doch wichtig, damit es überhaupt zu einem Regenschauer kommen kann. Nebel ist also eine Komponente im Wasserkreislauf. Anders sieht es in Trockengebieten aus wie in der Atacama-Wüste in Chile oder auch in Gebieten Arabiens, wo aus dem Nebel Wasser gesammelt werden kann, das während der regenfreien Zeit angepasste Lebewesen am Leben erhält. Auch die kalifornischen Mammutbäume leben zu einem wichtigen Teil vom Nebelwasser, das vom Pazifik-Nebel an die Küste transportiert wird. In solchen Ökosystemen ist Nebel unersetzlich.

Kommt Nebel in allen Jahreszeiten vor oder nur in einer Jahreszeit speziell häufig?
Grundsätzlich kann immer dann, wenn die Lufttemperatur unter den sogenannten Taupunkt fällt, Nebel entstehen. Am häufigsten und wichtigsten ist aber die Periode von September bis März, wenn es häufig kühl ist. Im Sommer hingegen sind eher lokale Bodennebel nach einer sternklaren Nacht der Fall, aber das merken nur diejenigen, die in Talsenken oder Tälern wohnen, wo sich die kalte Luft sammeln kann. 

Wo kommt Nebel eigentlich vor allem vor?
Am häufigsten selbstverständlich auf Bergspitzen, die in die Wolken hineinragen. Aber die meisten Leute verbinden Nebel entweder mit Strahlungsnebel, der zu einem Nebelmeer führt, oder dann mit Hochnebel. Diese beiden Arten sind da am meisten verbreitet, wo die Leute wohnen. Dazu kommen die lokalen Bodennebel, die für den Strassenverkehr nicht unproblematisch sind. 

Im Kanton Aargau gibt es vor allem im Freiamt viel Bodennebel.

Im Kanton Aargau gibt es vor allem im Freiamt viel Bodennebel.

Nimmt die Anzahl Nebeltage in der Schweiz im Vergleich zu vor 50 Jahren zu?
Eine Studie der Universität Bern hat eher das Gegenteil gefunden, dass die Anzahl Nebeltage eher abnimmt. Die Erklärung dafür ist aber nicht ganz eindeutig. Viele Leute, die in Höhenlagen zwischen 700 und 1000 Metern über Meer leben, bestätigen, dass das Nebelmeer heute häufig eher etwas höher liegt als früher. Gerade am Jurasüdfuss, bei Magglingen und Leubringen, sind solche Veränderungen gut zu beobachten.

Hat der Klimawandel Einfluss auf die Nebelbildung?
Der Klimawandel hat sicher auch einen Einfluss, aber es ist nicht eindeutig, ob nicht andere Faktoren wichtiger sind. An vielen Orten wurden die Siedlungen in den letzten 100 Jahren massiv ausgeweitet, was einerseits zu trockeneren Böden führt, die auch eher versiegelt sind und somit wenig Wasser für die Nebelbildung beisteuern. Zudem verbrauchen mehr Leute auf gleichem Raum mehr Energie, die zum Teil als Abwärme die lokalen Temperaturen leicht erhöht, was eventuell bereits ausreicht, dass der Nebel nicht mehr Nebel, sondern eben Hochnebel wird, da er den Erdboden nicht mehr berührt.

Warum braucht es überhaupt eine Nebelforschung?
Momentan habe ich zwei sehr interessante Projekte am Laufen. Im ersten versuchen wir in Zusammenarbeit mit Meteo Schweiz, das Wetter prognosemodell so zu verbessern, dass die Vorhersage von Nebel, speziell Strahlungsnebel mit einem Nebelmeer, das man mit Satellitenbildern vergleichen kann, deutlich verbessert wird. Im zweiten Projekt haben wir die Hypothese aufgestellt, dass gerade bei längeren Sommertro­ckenperioden, wie wir das mit dem Klimawandel erwarten und in den letzten wenigen Jahren auch beob­achtet haben, nächtlicher Tau und Morgennebel für die natürliche Vege­tation und die Grasländer der Bauern einen bedeutenden Beitrag an deren Wasserhaushalt leisten können.

Und welches sind die wichtigsten Ergebnisse der Nebelforschung?
Ein Thema sind die Nebelwälder, die vor allem in den Subtropen und Tropen verbreitet sind und die zu den Ökosystemen mit der höchsten Bio­diversität weltweit zählen. Hier hat es an einigen Orten, zum Beispiel in Costa Rica, wo ich 2003 an einem Forschungsprojekt beteiligt war, dramatische Abnahmen der Nebelhäufigkeiten gegeben, die die Artenvielfalt bedrohen. Dasselbe Problem wird bei den kalifornischen Red­ woods erforscht. In diesen Fällen ist vor allem der Klimawandel die plausibelste Erklärung, und darum auch die Erkenntnis, dass es Massnahmen zur Beschränkung des Klimawandels im Rahmen des Pariser Abkommens dringend braucht.

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