Zwar hat sie die Kantonsschule schon im Sommer 2018 abgeschlossen. Doch ihre Maturaarbeit, die sie zusammen mit ihrer Freundin Lara Manzelli geschrieben respektive gefilmt hat, lässt Hannah Dobbertin auch gut ein Jahr nach Schulabschluss noch nicht los. „Erst durften wir im Mai an der Preisverleihung von Schweizer Jugend forscht den Sonderpreis „Art“, der Gamil Stiftung entgegennehmen. Und als Belohnung für diese Auszeichnung durfte ich im Juni an die Genius-Olympiade nach Oswego, einen Vorort von New York“, reisen, fasst Hannah Dobbertin einige persönliche Highlights der letzten Monate zusammen. Ganz nebenbei hat die 20-jährige Murianerin im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit ihrem Film „Seiten des Lebens“ an der Genius-Olympiade im Bereich Film den 2. Platz gewonnen.

Die Idee zu ihrem Filmprojekt hatten die beiden Freundinnen bereits in der 1. Kanti. „Damals drehten wir zusammen ein Musikvideo und wir waren uns bald einig, dass wir auch als Abschlussarbeit gemeinsam ein Videoprojekt realisieren wollen“, erklärt Dobbertin. Das Thema der Maturaarbeit sei damals aber noch nicht festgestanden. Das sei ihr erst während eines Theaterfestivals in Avignon in den Sinn gekommen, so Dobbertin. Thema des Films sollte die Geschichte, genauer die Gemeinsamkeiten eines jüdischen und eines afghanischen Flüchtlings sein – damals und heute. „Ein Thema, das im Jahr 2019 mindestens so relevant ist wie zu Zeiten der Judenverfolgung“, sagt Dobbertin. Als Vorbereitung haben die beiden Schülerinnen viel gelesen und sind mit vielen Flüchtlingen ins Gespräch gekommen – u.a. im Jugendhaus Muri13. Diese Geschichten hätten sie zwar als Inspiration fürs Drehbuch verwendet, sagt Dobbertin, „doch weder die jüdische noch die afghanische Geschichte haben wir eins zu eins umgesetzt.“ Besonders bei der jüdischen sei das wichtig, denn als Basis dieser Geschichte durften die beiden jungen Frauen die Autobiografie der in Wohlen ansässigen Hanna Meyer-Moses verwenden.

Flüchtlingsdramen – heute wie vor 75 Jahren

Im Film muss die Jüdin Miriam 1943 mit ihrem Bruder von Deutschland via Frankreich in die Schweiz fliehen, wo sie auf einem Bauernhof aufgenommen werden. Ihre Erinnerungen, Lagerskizzen sowie Lieder und Musikstücke aus ihrer Kindheit hat die Geigenspielerin in einem Notizblock verewigt. 2017 nimmt die inzwischen alte Frau selber einen Flüchtling auf. Sajjad, so sein Name, findet das Büchlein zufällig und beginnt, auch seine Geschichte und Erinnerungen darin einzutragen. Über diese Erinnerungen kommen die beiden in den Dialog und entdecken, wie ähnliche ihre beiden Fluchten sind – obwohl mehr als 70 Jahre dazwischen liegen. Am Schluss des 23-minütigen Films erhält Sajjad einen Anruf von seinem Bruder aus Afghanistan, der ihm mitteilt, dass er sich auch auf den Weg in die Schweiz macht. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. „Uns war von Anfang an wichtig, dass unser Film die Menschen zum Nachdenken anregt“, erklärt Dobbertin. „Viele Menschen, auch Kollegen aus unserem Freundeskreis, die sich sonst nicht für das Thema Flüchtlinge interessieren, erhalten durch unseren Film eine Möglichkeit, sich eine eigene Meinung zu diesem Thema zu bilden.“

Low-Budget-Produktion

Mitgespielt haben im Film ein gutes Dutzend Schauspieler, darunter die jüngere Schwester von Hannah Dobbertin, ein afghanischer Flüchtling sowie mehrere Kinder. Gedreht wurde im Garten des Hauses Chapf in Aristau sowie auf dem Biohof der Familie Keusch in Boswil. Die meisten Schauspieler hatten bereits Erfahrung – einige von ihnen gehören dem Kellertheater Bremgarten an. Auch Kostüme durften sie von dort sowie von der Theatergesellschaft Villmergen ausleihen. Das Filmequipment stammt zum grössten Teil aus dem persönlichen Fundus von Dobbertin. Gekostet hat die gesamte Produktion übrigens keine 2000 Franken. „Zwar hatten wir das ursprüngliche Budget um einiges überzogen“, sagt Dobbertin, die ihr Studium als Filmwissenschafterin nach einem Jahr abgebrochen hat („vor lauter Theorie ist mir beinahe das Gesicht eingeschlafen“) und jetzt auf der Suche nach einer Praktikumsstelle ist. „Doch dank einigen Sponsoren sowie dem Rotarypreis (1600 Franken, d. Red.) sind wir gerade so herausgekommen.“