Romeo Castellucci, wie viele Male pro Tag denken Sie an den Tod?

Romeo Castellucci: Ich denke nicht gerne an den Tod. Ich liebe den Philosophen Spinoza. Er sagt: Wir müssen über das Leben nachdenken, nicht über den Tod.

Aber in Ihren Stücken, besonders in Ihrer aktuellen Inszenierung an der Art Basel, konfrontieren Sie das Publikum ständig mit Schmerz und Tod.

Ja, aber es ist auch ein Lied des Lebens. Nur weil der Tod existiert, können wir uns lebendig fühlen. Es ist eine andere Art, das Leben wahrzunehmen: als etwas sehr Fragiles und deshalb Wertvolles. Im Kern steht nicht der Tod, im Kern stehen die Lebenden. Das Publikum ist die Hauptperson der Show. Ich war überrascht über deren Reaktion: über die Formen, die es als gesellschaftlicher Körper bildete. Das war für mich das Interessanteste.

Sie hatten den Eindruck, dass das Publikum sich wie ein Körper bewegte?

Ja. Manchmal blieb es ruhig in Anbetracht der Opfer, manchmal schien ein Magnet auf es zu wirken – ein anziehender oder ein abstossender. Das Publikum bildete Linien, Kreise, Kessel. Aber natürlich stehen der Tod und das Blut ebenfalls im Kern der Show. Das Blut der Anderen, der Schmerz der Anderen sind der Kern einer jeden Show! Diese offenbaren unsere Haltung, unser morbides und doch menschliches Verhältnis dazu. Zu diesen primären körperlichen Szenen kommen Rätsel hinzu, etwas sehr Rationales: ein konzeptuelles Problem, das es zu lösen gilt. Die Zuschauer geraten in eine doppelbödige Falle zwischen Chaos und Ordnung. Der Titel deutet darauf hin.

Er heisst «The metopes of the Parthenon», wie kamen Sie darauf?

Der Titel ist der Schlüssel zum Stück. Die Metopen sind Teil des antiken Fries’, Tafeln aus Marmor, auf denen ein Bildhauer Momente mythischer Kämpfe dargestellt hat. Und der Parthenontempel ist die Wurzel westlicher Ästhetik; er repräsentiert Harmonie, Ausgeglichenheit, ist das Haus Gottes und der Menschheit. Aber auf seiner Fassaden sind Chaos und der Kampf um Leben oder Tod abgebildet. Es gibt keine Erlösung. Auch im Stück kommt die Rettung jedes Mal zu spät. Das Theater, die Kunst überhaupt, ist der Ort des Mysteriums. Die griechische Tragödie ist der falsche Ort. Ein Ort, an dem die Zeit Risse bekommt, nicht für uns arbeitet.

In jeder Szene findet ein Kampf zwischen Leben und Tod statt. Jedes Mal gewinnt der Tod. Warum?

Die unendlichen Formen des Todes üben eine gewisse ästhetische Faszination auf mich aus. Ich glaube, es ist Kurt Vonnegut, der sagt, dass jede Kunst ein Tanz mit dem Tod sei.

Aber Sie quälen uns ein wenig mit Themen, die wir gern verdrängen. Warum?

Es ist wie in der griechischen Tragödie: Man muss das Gift annehmen, so wird das Gift zur Medizin.

Eine Katharsis?

Nein, ich glaube nicht an Katharsis. Es gibt keine Erlösung in einer Tragödie. Eine Tragödie ist die Erfahrung des Abgrunds. Es gibt keine Sprache, keine Götter; keine Erlösung, keine Engel. Der Himmel ist gänzlich leer. Und wir finden uns wieder: allein. Das Stück ist eine andere Form der Einsamkeit. Die Opfer sind zwar von Leuten umgeben, doch sie sind allein. Und natürlich wird jeder diese Erfahrung machen.

Sie haben vor diesem Interview erwähnt, dass Sie selbst erleben mussten, wie ein Freund auf der Bühne in Ihren Armen stirbt. Jede Rettung kam zu spät.

Ich rede nicht gerne in der ersten Person, ich bin nicht wichtig. Eigentlich würde ich diese persönliche Geschichte lieber draussen lassen. Sie ist natürlich haftengeblieben, ist aber nicht der Hauptanlass für diese Arbeit.

Was war denn Ihr Motiv für dieses Stück?

Mich fasziniert das Versagen. Ständig passieren kleine Fehler, die enorme Folgen haben können. Das ist berührend, sehr menschlich. Darum war es auch sehr wichtig, echte Ärzte und Sanitäter auf der Bühne zu haben. Sie befolgen strikt ihr Protokoll. Doch jedes Mal läuft etwas schief.

Für die Ärzte ist das sehr hart.

Ja, und sogar in diesem fiktionalen Raum.

Die Stille nach dem Eintreten des Todes ist eindrücklich.

Das ist zugleich eine Meditation. Heutzutage ist auch der Tod eine Show, es fehlt der Raum für jegliche Meditation. In dieser Performance halten wir einen Moment inne und öffnen einen intimen Raum für eine Meditation über den Tod, unseren Tod. Ich mag diese Wendung: Wir fangen an einem trivialen, brutalen Höhepunkt der Inszenierung an und gelangen dann unerwartet zu etwas wirklich Tiefem.

Sie sagen: «Das Theater ist gefährlich». Was meinen Sie damit?

Es enthüllt die eigene Verletzlichkeit. Und es kann auf den Zuschauer zurückblicken. Es macht einen zu einem menschlichen Wesen. Das kann schmerzhaft sein. Das Theater ist eine Art dunkler Spiegel, es hat die Fähigkeit, deinen Namen zu rufen.

Machen Sie darum Theater und nicht etwa Film?

Nein, ich mag das Kino viel mehr. Ich bin überzeugt, dass ich eigentlich Kino mache auf der Bühne.