Nie rückt Liestal derart ins nationale, ja internationale Schaufenster, wie wenn sechs Wochen vor Ostern der Uhrzeiger auf 19.15 Uhr rückt. Das war auch diesen Sonntagabend wieder so – das Stedtli zum Platzen voll, das Sprachengewirr schon fast babylonisch mit sogar chinesischen Tönen, die Vorfreude auf den bevorstehenden Chienbäse-Umzug riesig. Und dessen Dramaturgen oben auf der Burg tragen jeweils das Ihre bei, um die Spannung zu steigern, indem sie die Trumpfkarten dosiert die Burgstrasse hinunter durchs Nadelöhr Törli rein ins Stedtli schicken.

Den Anfang machten mehrere Cliquen mit Pfeifern, Trommlern und Laternen und dann der erste Höhepunkt: ein von acht Männern getragener Feuerkorb gefolgt von einer Gruppe Männer und Frauen mit geschulterten, lodernden Chienbäse ganz unterschiedlicher Grösse. Was geht eigentlich in einem Chienbäse-Träger vor, wenn er, wie sonst nie im Leben, durch ein Spalier von Zehntausenden von Leuten marschieren und links und rechts anerkennende Blicke ernten kann? Rainer Furrer (29), dieses Jahr zum sechsten Mal dabei, drückte es unmittelbar nach dem Umzug so aus: «Das ist eine Riesengaudi, überall leuchtet Blitzlicht auf, die Leute feuern einen an, und wenn man einen Stopp einlegt, braten sie ihre Würste am Chienbäse.»

Das Beste sei aber, wenn man das Törli passiert habe: «Dann tritt man wie in eine Arena ein mit Gejohle und Jubel.» Und Furrer fügt an: «Für mich war das Besondere heute, dass ich noch nie so viele Leute an einem Chienbäse-Umzug gesehen habe.»

Sengende Hitze, hohe Flammen

Ähnlich wie Furrer dürfte es auch den andern 299 Chienbäse-Trägern gegangen sein, die die alte Tradition weiterleben, das Feuer als Zeichen für das Winterende ins Tal zu tragen. Wobei die Tradition im Verlaufe der Jahrhunderte natürlich Retuschen erfahren hat, nicht zuletzt auch als Zugeständnis ans Spektakel. So durften die Fackelträger bis 1902 die Altstadt nicht betreten. Offenes Feuer galt als zu gefährlich innerhalb der engen Gassen. Heute ist genau das der grösste Reiz am Chienbäse-Umzug.

Womit wir wieder bei der gestrigen Dramaturgie wären: Die Chienbäse-Träger wechselten sich im Verlauf des Umzugs mit immer grösseren Feuerwagen ab. Und als das erste der drei Mega-Vehikel mit brennenden acht Ster Holz zentimetergenau durchs enge Törli donnerte, ging ein halb entzückter, halb entsetzter Aufschrei durch die Menge. Denn die Flammen verbreiteten nicht nur eine sengende Hitze, sondern züngelten auch die Törli-Fassade hoch bis fast zum Zifferblatt.

Chinesische Botschafterin wirbt

Wären da nicht die 150 Feuerwehrleute im Einsatz gewesen, zu deren Aufgaben auch die fortwährende Wasserkühlung der Holzdecke des Törli-Bogens gehörte, das altehrwürdige Liestaler Wahrzeichen wäre nach dem Chienbäse-Umzug in hoffnungslosem Vollbrand gestanden.

Unmittelbar neben dem Törli führte sich auch die chinesische Botschafterin in der Schweiz, Xu Jinghu, zum ersten Mal einen Chienbäse-Umzug zu Gemüte. Eingeladen hatte sie Stadtpräsident Lukas Ott, der sie von Anlässen des in Liestal beheimateten Vereins Kulturbrücke China-Schweiz her kennt. Ott: «Chinesen haben einen starken Bezug zu Feuerwerken. Da war es naheliegend, ihr den Umzug zu zeigen.»

Xu Jinghu selbst war nach geschlagener Feuerschlacht beeindruckt: «Ich habe zum ersten Mal einen so grossen Umzug mit Feuer gesehen. Dieses Volksfest hat mich begeistert.» Sie habe auch einige chinesische Gesichter ausgemacht und wolle ihre Landsleute ermutigen, in Zukunft vermehrt den Chienbäse anzusehen. Und Xu Jinghu schloss mit den Worten: «Die Beziehungen zwischen China und der Schweiz entwickeln sich sehr gut.»