FC Basel

Paulo Sousa - auch nach mehr als einem Jahr noch der Unverstandene

Paulo Sousa: Warum in der Nähe bleiben, wenn die Ferne lockt?

Paulo Sousa: Warum in der Nähe bleiben, wenn die Ferne lockt?

Er umarmt Bäume. Er vergisst Freunde. Und er sieht sich bald als Champions-League Sieger. Der FC Basel hat mit Paulo Sousa ein turbulentes Jahr hinter sich. Nun könnte der Portugiese zur AC Fiorentina abwandern. Ein Rückblick.

Gut ein Jahr ist es erst her, seit Paulo Sousa die Bühne in Basel eingenommen hat. Als umschwärmter Hoffnungsträger. Mit Vorschusslorbeeren überall.

Was ist passiert in diesem turbulenten Jahr? Mit diesem so schwer zu fassenden portugiesischen Trainer, der nun also wohl nach Florenz geht.

Es ist der 2. Juni 2014. Paulo Sousa stellt sich vor im St. Jakob-Park. Seine Worte berühren sofort. Sie lösen Hoffnungen aus. «Ich will die Siege fühlen», sagt Sousa. Nicht einfach gewinnen, nicht einfach ein 1:0 über die Zeit retten, nein «Siege fühlen». Es tönt wie ein Versprechen.

Und dann? Viele Siege. Viele Emotionen. Aber kaum Freude. Und immer wieder Ärger. Wie kann das sein?

Es ist erstaunlich, wie schnell es Sousa geschafft hat, anzuecken. Sei es bei den Spielern, die jeden Morgen zum gemeinsamen Frühstück erscheinen und danach viel Zeit totschlagen müssen. Sei es bei den Fans, die keine Trainings mehr schauen dürfen.

Sei es bei den Basler Schulkindern, die den Rasen bei der Sportanlage St. Jakob plötzlich nicht mehr benutzen dürfen während ihrer Sportlektionen. Und auch die Öffentlichkeit hat es schwer mit Sousa, der auf die Karte «Desinformation» setzt. Er blockt ab. Er schottet ab. Immer. Überall. Sogar ein Testspiel gegen Wohlen ist geschlossene Gesellschaft. Zu gross die Angst vor Spionen.

Auf Fragen antwortet Sousa immer gleich. Einsilbig. Alles ist «fantastic». Alles ist ein «Prozess».

Ärger wegen der «Prinzessin»

Wenn er sich einmal Zeit nimmt, dann lernt der Zuhörer einen anderen Paulo Sousa kennen. Jenen Fussballer und Menschen, der viel erlebt hat, der vieles zu erzählen hat – und das spannend und unterhaltend tut.

Man kann mit ihm Gedanken austauschen, über den typisch portugiesischen «Fado». «Stellen Sie sich vor, Sie verabschieden jemanden, der für lange Zeit aufs Meer geht, um zu fischen, und Sie zweifeln, ob er jemals zurückkehrt», sagt Sousa dann, «diese Emotionen kennzeichnen den Fado.»

Aber wehe, man getraut sich, sein Privatleben zu thematisieren!

Es ist eine kleine Episode in einem Interview. Die Frage lautet: Können Sie sich schon ein Urteil bilden über den Schweizer Fussball? Plötzlich läutet Sousas Telefon. Es ist seine Frau. Er begrüsst sie mit: «Prinzessin!» Drei Minuten später kommt er zurück.

Wir fragen: Beklagt sich Ihre Frau, dass Sie spät nach Hause kommen? Sousa lacht. «Nein, nein. Sie ist nur ein wenig ins Keuchen gekommen, weil sie sich auf dem Weg zum Tierarzt etwas verfahren hat und darum zu spät in die Hunde-Therapie kam. Einer von unseren Hunden hatte zwei Operationen am Hals und muss deshalb in nächster Zeit Therapie machen.»

Eine lustige Anekdote, denken wir. Aber nichts wird daraus. Die FCB-Medienabteilung meldet, Sousa fände die beschriebene Passage eine absolute Respektlosigkeit. Wenn wir sie drucken, spricht er nie mehr mit uns.

Der Schmerz der Weggefährten

Paulo Sousa ist manchmal ein Rätsel. Der «Tages-Anzeiger» schrieb einmal: «Sousa, der nervende Hektiker an der Seitenlinie». Der FCB konnte dominieren nach Belieben, Sousa fand immer einen Grund, einen Spieler anzuschreien.

Dabei hätte er all das gar nicht nötig gehabt. Denn eines ist unbestritten. Sousa hat den FCB weitergebracht. Vereinfacht gesagt, war erstmals seit Jahren gleichzeitig ein Konzept in der Offensive und der Defensive zu erkennen.

Zuvor lag der Fokus eher auf der Verteidigung (Murat Yakin), respektive im Angriff (Thorsten Fink und Heiko Vogel). Auch neben dem Platz führte Tüftler Sousa mit seinem Staff viel Neues ein, GPS-Sender und Schlafüberwachung inklusive. Sein Meisterstück lieferte Sousa mit dem Vorstoss in den ChampionsLeague-Achtelfinal ab.

Aber eben: Sousa gelang es nicht, dass die Menschen in Basel echte Gefühle für ihn entwickeln.

Wenn Sousa geht, was bleibt dann? Vielleicht auf die Dauer nicht sehr viel. Es ist die Geschichte, die Sousa immer wieder einholt. Die AC Fiorentina wäre sein siebter Verein innert sieben Jahren. Unbeirrbar geht er seinen Weg. Eines ist für ihn klar: «Ich werde die Champions League auch als Trainer gewinnen.» Keine Zweifel? «Nicht die geringsten.»

Wenn Sousa geht, kümmert es ihn nicht, wer und was hinter ihm liegt. Das war immer so. Als wir vor dem ChampionsLeague-Spiel gegen Porto seine wunderschöne Heimat Viseu besuchen, treffen wir alte Weggefährten. Viele sind von Sousa enttäuscht.

«Er hat uns alle vergessen», erzählt einer, der mit Sousa früher kickte, jetzt ist er arbeitslos und hat Tränen in den Augen. Seinen ersten Verein, den «Clube de Futebol Os Repesenses», hat Sousa später nie mehr besucht.

Als Kind umarmte Paulo Sousa Bäume. So erzählt er das, und lässt ein bisschen Selbstironie durchblicken. Vielleicht ist es aber so: Dass die Natur ihn besser versteht als seine Mitmenschen.

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