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So findet der FC-Basel-Chefscout Rohdiamanten wie Mohamed Salah

Mehr als 2000 Spiele gesehen: FCB-Chefscout Ruedi Zbinden hat das richtige Gespür und kennt die Bedürfnisse des Vereins. Freshfocus

Mehr als 2000 Spiele gesehen: FCB-Chefscout Ruedi Zbinden hat das richtige Gespür und kennt die Bedürfnisse des Vereins. Freshfocus

Ruedi Zbinden erzählt aus seinem spannenden und manchmal stressigen Leben als Chefscout des FC Basel. Wenn er einen Spieler nach Basel lotst, wird daraus zumeist ein lukratives Geschäft für den FCB.

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen.

Eine Reise? Hunderte von Reisen hat Ruedi Zbinden gemacht, seit er 2001 beim FC Basel das Scouting übernommen hat. Zwei Müsterchen gefällig? «In einer Bar in Montevideo traf ich einmal einen weisshaarigen Holländer, der sich als Adrie van Kraay und Spielerbeobachter des FC Schalke 04 vorstellte. Ich musste ihm sagen, ich wüsste genau, wer er sei, denn schliesslich hätten wir 1984 zusammen beim FCB gespielt …», erzählt Zbinden.

Ebenfalls in Uruguay wollte er sich einst im Derby Peñarol gegen Nacional einen Spieler anschauen. «Es gab eine Massenschlägerei mit Spielabbruch und einige Akteure, darunter auch Nationalspieler, wurden noch auf dem Platz verhaftet und danach ins Gefängnis gesteckt», schildert Zbinden einen Südamerikatrip, von dem sich nur sagen liess: ausser Spesen nichts gewesen.

Goldenes Händchen beim FCB

Doch solche Storys bilden die Ausnahme. Der FC Basel hat sich längst den Ruf erworben, ein goldenes Händchen bei Transfers zu haben und über ein umspannendes Netzwerk zu verfügen. Beispielhaft dafür ist Mohamed Salah, für 2,5 Millionen Franken von den Arab Contractors abgelöst, für 20 Millionen an den FC Chelsea verkauft. «Salah ist uns bei der U20-WM 2011 in Kolumbien aufgefallen», sagt Zbinden. «Wir haben ihn im Auge behalten, später zu uns ins Training nach Basel geholt und dann, ein Jahr nach der WM, unter Vertrag genommen.» 

Top-8-Gewinngeschäfte des FC Basel

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Der gelernte Speditionskaufmann und frühere Nationalliga-A-Spieler Zbinden war nach seinem Rücktritt als Fussballer zuerst Nachwuchstrainer beim FCB geworden und dann Assistent von Christian Gross im Fanionteam. Die beiden stellten bald einmal fest, dass es unabdingbar war, ein Scouting aufzubauen, wollte sich der Klub weiterentwickeln. Und weil mit Fritz Schmid ein neuer Assistenztrainer gefunden wurde, begab sich Zbinden alsbald auf Reisen. Und wie: In den Anfangszeiten sass er 150-mal pro Jahr in einem Flugzeug und flog innerhalb von zehn Tagen drei Mal nach Island. Der Einmannbetrieb war ein Knochenjob und Gross forderte Zbinden alles ab.

Als Delgado den einen Pass spielte

Dass dieser ein gutes Auge besitzt, hatte sich indes schon im Jahr 2000 gezeigt, als Zbinden, damals noch nicht Scout, Marco Streller von Arlesheim zum FCB lotste. Diese Verpflichtung zählt für den 56-Jährigen, wie jene von Christian Gimenez 2001 von Lugano, in sportlicher Hinsicht noch heute zu den wichtigsten überhaupt. Und natürlich gehört auch Matias Delgado zu den Trouvaillen Zbindens.

Aufgespürt hatte er den jungen Aufbauer in Argentinien bei den Chacarito Juniors. «An diesem Tag spielte Delgado schlecht, schlug miserable Pässe – bis er dann den einen Ball von der Mittellinie in die Tiefe spielte. Da wusste ich: Das ist einer. Ich habe ihn mir danach noch drei Mal angesehen und bin an ihm drangeblieben, bis er schliesslich reif für den Transfer nach Basel war», erinnert sich Zbinden.

Nach ein paar Jahren war Globetrotter Zbinden aber klar geworden, dass er Entlastung brauchte. Die Dossiers waren so umfassend, dass er manchmal befürchtete, er könnte durchdrehen. «Dadurch war ich auch anfälliger für Fehler geworden», sagt Zbinden. Spieler wie Cristiano und Delron Buckley konnten nicht überzeugen. Schon der zwei Jahre zuvor für über fünf Millionen Franken geholte Argentinier César Carignano war ein Flop gewesen. «Er war dem Leistungsdruck nicht gewachsen, fühlte sich nur in der Heimat wohl», sagt Zbinden, der mit Argentiniern sonst meist gute Erfahrungen gemacht hat. «Es sind Typen wie Samuel, die eine Grinta haben», sagt Zbinden. Und Sozialkompetenz. «Wie sich Delgado einst um den jungen Caicedo gekümmert hat, war überragend.»

Videos und Fernsehen sind gut, Stadion ist besser

Zbinden gab 2009 seinen Sitz im Verwaltungsrat des FCB auf und verteilte die Last nach und nach auf weitere Schultern. «Heute sind wir sehr gut aufgestellt», sagt Zbinden. Die aufwendige Kontaktpflege mit den Agenten hat ihm Sportdirektor Georg Heitz abgenommen. Dieser sagt über Zbinden: «Er besitzt eine immense Erfahrung, kennt unsere Bedürfnisse und schaut sich nie zusammen mit einem Agenten ein Spiel an.»

Auf Mandatsbasis beobachten Jean-Pierre Gerosa die internationalen und Urs Moser die nationalen Gegner des FCB. Daneben stehen Roberto Crausaz, Josip Colina, Bernard Challandes, Angelo Corti und Vratislav Lokvenc als Spielerbeobachter zur Verfügung. Und natürlich gibt es auch noch die von verschiedenen Agenturen angebotenen Datenbanken, die wertvolle Informationen liefern.

Über all dem steht Chefscout Zbinden, der entscheidet, welche Spieler intensiver beobachtet werden. Verpflichtet wird keiner, den der 56-Jährige nicht mindestens einmal selber gesehen hat. «Videos und Fernsehen sind gut und recht, aber nur im Stadion kann ich mir ein genaues Bild von einem Spieler machen», sagt Zbinden. «Damit es aber auch ein umfassendes ist, schaue ich mir auch Trainings an.»

Im Herbst in Chile an der U17-WM

Wie vor der Verpflichtung von Jean-Paul Boëtius. Obwohl der holländische Offensivspieler bei Feyenoord nicht mehr glücklich war, zeigte er sich professionell. Wie konzentriert der 21-Jährige trainierte, beeindruckte Zbinden. Und als sich der Jungstar am Ende nicht zu schade war, dem Assistenztrainer beim Einsammeln der Bälle zu helfen, da wusste der Beobachter aus Basel, dass der Spieler einen guten Charakter hat. «Jede Geste ist wichtig. Auch das Verhalten gegenüber dem Schiedsrichter und den Mitspielern ist bedeutsam», sagt Zbinden. Er denkt, dass Boëtius über noch mehr Potenzial verfügt, als der eben erst mit einem satten Gewinn von 8,5 Millionen Franken nach Kiew verkaufte Derlis Gonzalez.

Gegen 2000 Spiele hat Zbinden schon gesehen. Manchmal richtet er es ein, dass seine Freundin auf eine Beobachtungsreise mitkommt, und sie dann noch einen Tag länger in der Stadt bleiben. Zu Hause schaut er nur begrenzt Fussball im Fernsehen. Vor allem keine Freundschaftsspiele. «Ganz wichtig wird für uns aber im Herbst die U17-WM in Chile sein», sagt Zbinden. «Vielleicht finden wir wieder einmal eine Perle wie dereinst Felipe Caicedo.»

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