Das Paradies klebt an der Tür eines Taxis; es weht auf einer Fahne über der Mittleren Brücke; es hängt in Türen von Cafés. Auf den Werbeflächen ist das Paradies in Basel – als Original leuchtet es in der Fondation Beyeler in Riehen. Es ist das Paradies des Malers Paul Gauguin.

Jeden Morgen versammeln sich die Menschen vor dem Museum, warten um Einlass, darauf, einen Blick auf die exotische Welt zu werfen. Das Museum feiert die Ausstellung als «das Kunstereignis des Jahres». Das müsste noch nichts heissen. Doch die Menschen strömen nach Riehen: Kunstfreunde, aber auch solche, die vor Gauguins Bildern ein Gespräch über die letzte Olma anzetteln. Was ist es, das sie lockt?

«Das Motiv von Gauguins Werk ist seine unstillbare Sehnsucht nach dem Paradies. Dieses Gefühl war ein eigentlicher Grundmotor für seine Reisen und seine Arbeit», sagt Raphaël Bouvier, Co-Kurator der Ausstellung. In diesem Streben – aber auch dem Scheitern – sieht er den Grund für die ungebrochene Faszination für Gauguins Werke. «Die Thematik ist bis heute aktuell und führt zu einer Identifikation mit dem Maler, der vor über hundert Jahren wirkte», sagt Bouvier.

Der Maler hatte eine deutliche Vorstellung von seinem Paradies. Ausserhalb der Fondation Beyeler ist der Begriff «Paradies» hingegen kaum fassbar. Das Steuerparadies findet sich immerhin noch auf Inseln, bereits das Schnäppchenparadies liegt jedoch in klimatisierten und kalt ausgeleuchteten Komplexen. Und suchen die Eltern auf der ersten Etage des Shoppingparadieses nach neuen Schuhen für das Wanderparadies, so findet sich ein Stockwerk tiefer bestimmt auch ein buntes Kinderparadies für die Kleinen.

Liebling der Werbung

«Das Wort Paradies symbolisiert das Schöne. Es löst ein behagliches, sorgenfreies Gefühl aus. Diese Emotion schwappt auf das beworbene Produkt über», sagt Lukas Weibel, Berater der CR Werbeagentur. Weil der Begriff ein Verlangen aufnehme, werde er in der Werbung immer wieder eingesetzt.

Im Bild «Parau api» symbolisiert eine Zündholzschachtel die Zivilisation.

Im Bild «Parau api» symbolisiert eine Zündholzschachtel die Zivilisation.

Gerade weil die Werbung den Begriff weich gespült habe, benutze er ihn in seinem Alltag selten, sagt der reformierte Basler Pfarrer Martin Dürr: «Wörter wie Einkaufsparadiese suggerieren, dass uns Materielles glücklich macht.» Auch in der Bibel kommt der Begriff nur vereinzelt vor. Dennoch wird er gleichgesetzt mit dem Garten Eden oder dem Himmel. Pfarrer Martin Dürr erklärt es folgendermassen: «Das Paradies im Christentum bedeutet die vollständige Harmonie zwischen Gott und den Menschen, Frieden unter den Menschen und Einklang mit dem Kosmos. Es gibt kein Leiden, keinen Schmerz, keinen Tod.»

Natur als Design-Objekt

Um die tropische Natur darzustellen, tupfte Gauguin den Pinsel in fast jeden Farbtopf: Pflanzen funkeln lila, Äste wuchern türkis, die Erde leuchtet rot, der Himmel strahlt senfgelb. Immer wieder sind in den Pflanzen Ornamente auszumachen. «Gauguin malte die Natur auch als Schmuckstück», erklärt Raphaël Bouvier. Was in der Kunst wunderschön aussieht, scheint heute zum Trend vor der eigenen Haustüre geworden sein: Das Naturparadies wird zu recht gestutzt. «Die Gärten verkommen oft zum dekorativen Design-Objekt», sagt Andreas Sommerhalder, Geschäftsleiter von Plantago Gartenkultur.

In fast jedem Kundengespräch tauche die Frage nach der Pflegeleichtigkeit des Gartens ab. «Oft wird der äusseren Schönheit ein zu grosser Stellenwert beigemessen», sagt Sommerhalder. Die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung habe den Bezug zu lebendigen Prozessen verloren. Für Sommerhalder ist es hingegen bedeutsamer, im Garten eine innere Verbundenheit mit der Natur zu erlangen, denn: «Der Begriff Paradies bedeutet für mich Verbundenheit mit dem Sein. Aber das schafft Design nicht».

Entgegen der heutigen Tendenz in den Vorgärten suchte Gauguin die ursprüngliche, wilde Natur. Bevor der französische Maler nach Polynesien aufbrach, las er Reiseberichte über die Südseeinseln. Seine Quellen stammten aus dem 18. Jahrhundert, als Rousseau den edlen Wilden zum kulturunverdorbenen Menschen stilisiert hat. Als Gauguin 1891 aber in Tahiti ankam, war die Insel bereits kolonialisiert.

«Das Paradies ist ein Zivilisationsmythos, der versucht, Geschichte und Kultur in einer Rückwärts-Utopie aufzuheben. Die angebliche Unschuld ist jedoch bereits korrumpiert. Das zeigt auch Gauguin: In seinen Werken sieht man sinnbildlich den Wurm, der im Apfel steckt», sagt der Basler Filmwissenschaftler Hansmartin Siegrist.

Obwohl Gauguin seine Idealvorstellung eines unberührten und zugleich mysteriösen Ortes malte, verbarg er darin die Enttäuschung nicht, dass ihm die Franzosen und Missionare auf seinem Paradies zuvorkamen. «Indem Gauguin irritierende Elemente in seine Werke einbaut, reflektiert er seine Desillusionierung. Dadurch wirken die Bilder weder kitschig noch süss; vielmehr gewinnen sie eine Tiefgründigkeit», sagt Raphaël Bouvier. Gerade in diesem Bruch liege der Unterschied zu anderen Künstlern, sagt der Kurator und zeigt auf das Werk «Parau api».

Darauf sind zwei Frauen in farbenprächtige Tücher gewickelt, Blumen stecken hinter ihren Ohren. Ihre Blicke sind gesenkt oder ausweichend, die Mundwinkel deuten nach unten. «Hier reflektiert Gauguin die Wirklichkeit von Tahiti unter der Kolonialherrschaft», sagt Bouvier. «Oder sehen Sie hier: Mit dieser Streichholzschachtel, die zwischen den Frauen liegt, setzt er ein klares Zeichen, dass die Zivilisation angekommen ist.»

Das Paradies ist weiblich

Männer sind in Gauguins Paradies selten. Die nackte Haut von Frauen dominiert die Bilder – ähnlich wie auf den Werbeplakaten in der Stadt. Das bestätigt Werber Lukas Weibel: «Es werden vermehrt Frauen eingesetzt, um Produkte zu bewerben. Das Schönheitsideal der Models ist für viele Menschen ein Stück Paradies – auch wenn es mit Photoshop bearbeitet wurde.» Ähnlich erklärt Raphaël Bouvier Gauguins Wahl für seine Figuren: «Das Versprechen von der Schönheit des Paradieses liess sich für Gauguin besser am Körper der Frauen ausdrücken. Sie stehen für jene Reinheit und Unschuld, die er suchte».

In der Realität fand Gauguin bei den polynesischen Frauen, was er begehrte. Als Vater mehrerer Kinder verliess er die Südseeinseln. Dieser Haltung steht Psychiaterin Maria Hofecker kritisch gegenüber: «Indem er auf den Inseln das ursprüngliche Leben suchte, lebte er eine stark männlich geprägte Paradiesvorstellung aus. Wer so befreit leben will, trägt keine Verantwortung und macht es seinem Umfeld entsprechend schwer.»

Sie definiert das Paradies als ein menschliches Konstrukt, das in der Realität immer unerreichbar bleibt: «Betrachten wir das Mittelmeer als Grenze, leben wir auf der schönen Seite des Stacheldrahtes. Wir leben dort, wo viele Menschen das Paradies wähnen. Aber auch auf unserer Seite geht es vielen Menschen schlecht. Sie fühlen sich gefangen, wollen auswandern oder flüchten sich für einige Zeit in vermeintliche Ferienparadiese – ähnlich wie Gauguin», sagt die Psychiaterin.

Sind demnach die Menschen zum Scheitern verdammt? Maria Hofecker verneint: «Man muss akzeptieren, dass das Paradies immer an einem anderen Ort ist, als man sich selbst befindet. Wer sich dessen bewusst ist, kann sein Leben gestalten und geniessen. Wer in der Illusion nach dem Paradies auf Erden haften bleibt, droht immer wieder daran zu scheitern.»

Diese Erfahrung hat auch Robel Daniel gemacht. Er ist vor viereinhalb Jahren in die Schweiz geflüchtet. Für den Äthiopier erschien Europa aus der Ferne als Paradies. Vor seiner Migration verstand er unter dem Begriff noch etwas anderes: «Ich dachte, es sei ein Leben, wo man alles hat: einen Beruf, Erfolg, Sicherheit und Geld. In der Schweiz wurde mir aber bewusst, dass man all dieses Materielle besitzen kann und trotzdem nicht glücklich sein muss.

Die Herausforderung, Glück und Frieden zu finden, besteht also für alle Menschen.» Deshalb definiere er das Paradies heute anders, sagt der Asylsuchende. «Es bedeutet für mich innerer Frieden und Liebe im Herzen zu haben – egal, wo ich lebe.»

Suizidversuch im Paradies

Gauguin scheiterte an seinem Paradies. Er traf auf jene Zivilisation, vor der er geflohen war. Geldsorgen, Alkoholsucht und eine angeschlagene Gesundheit setzten ihm stark zu: Mit Arsen plante er, sich das Leben zu nehmen. Doch vorher wollte er noch ein Vermächtnis schaffen. Dieses ist nun in der Gauguin-Ausstellung der Fondation Beyeler das eigentliche Herzstück.

Das Bild «Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?» ist fast vier Meter breit und zeigt den Lebensbogen von der Geburt bis zum Tod. Die Farben des tropischen Urgartens sind dunkel, nur die Haut der Menschen leuchtet warm.

«Gauguin malte dieses Bild in einer grossen Verzweiflung. Herausgekommen ist ein fast schon unheimliches Bild, das eine Art Schattenparadies zeigt», sagt Kurator Raphaël Bouvier. Der rastlose Künstler überlebte seinen Suizidversuch, kehrte nach Frankreich zurück, um zwei Jahre später sein Paradies auf der Marquesasinsel Hiva Ora zu suchen. 1903 starb er dort vereinsamt.