Wenn Cyrill Wunderlin am 1. September von seinen Eltern an den Euro-Airport chauffiert wird, wird er nicht anders aussehen als jeder andere Tourist, der nach Mexiko in die Ferien reist. Auch der Inhalt seines Koffers – eine Kamera, Schokolade und natürlich Kleider – hundskommun. Und doch unterscheidet sich Wunderlin grundlegend vom gewöhnlichen Mexikoreisenden. Er fliegt nicht Tequila und Tacos entgegen, sondern einem einjährigen Engagement als Menschenrechtsbeobachter im Bundesstaat Oaxaca im Süden des Landes.

Oaxaca, Mexiko

Oaxaca, das tönt ausgesprochen etwa so: «Uachagga». Wenn Wunderlin seinen Einsatzort nennt, dann in perfektem Spanisch. Exzellente Spanischkenntnisse sind nur eine Anforderung, die der 30-jährige Basler erfüllen musste, um von der Organisation Peace Brigades International (PBI) als Menschenrechtsbeobachter ausgewählt zu werden. Die hervorragende physische und psychische Verfassung eine andere. Das ehrenamtliche Engagement sieht vor, dass Wunderlin in Mexiko einheimische Menschenrechtsverteidiger als unbewaffneter Bodyguard bei der Arbeit begleitet. Journalistinnen, die gegen Gewalt an Frauen anschreiben, Anwälte, die sich gegen den Landraub an Indigenen wehren – sie alle sollen durch seine blosse Präsenz vor Einschüchterungen und gewalttätigen Übergriffen sicher sein.

Cyrill Wunderlin reist als Menschenrechtsbeobachter nach Oaxaca

Kein menschlicher Schutzschild

Als menschlichen Schutzschild sieht er sich jedoch nicht. «Wenn es brenzlig wird, müssen wir uns zurückziehen.» Wunderlin hat keine Kampfausbildung erhalten. Seine Waffen sind anderer Natur: Eine grüne Weste mit dem PBI-Logo drauf, die er auf den Begleitzügen überstreift und so Präsenz markiert. Kugelschreiber und Papier, um seine Beobachtungen festzuhalten, die PBI bei Zwischenfällen später online verbreiten kann.

Wunderlin zieht es nicht nach Mexiko, weil er einfach irgendeinen humanitären Einsatz leisten will. Das könnte er auch in Como oder Idomeni tun und viel Gutes bewirken. Wunderlin hat einen Plan. Ihn überzeuge der Ansatz, den PBI verfolgt. Die Organisation arbeitet ausschliesslich mit Akteuren zusammen, die sich von jeglicher Gewalt distanzieren. Und sie geht nicht von sich aus in Krisengebiete, sondern schickt ihre Beobachter aufgrund von Anfragen von Menschenrechtsverteidigern, die sich exponieren, ins Feld. In Mexiko arbeiten durchgehend zehn Beobachter für PBI, aufgeteilt in zwei Teams. Unterwegs sind sie immer zu zweit.

Es warten Sechs-Tage-Wochen

Wunderlin erwarten in Oaxaca Sechs-Tage-Wochen und lange Arbeitstage, ab und zu auch ein längerer Fussmarsch, wenn ein abgelegenes Gebiet nicht anders zu erreichen ist. Und das in Mexiko, bekannt für seine hohe Kriminalitätsrate, und wo laut Reisehinweisen des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten die Zahl der Entführungen zunimmt. Angst vor Überforderung? Wunderlin bleibt pragmatisch: Wenn es nicht auszuhalten sei, kehre er eben zurück. Dass es soweit kommt, scheint unwahrscheinlich. Wunderlin hat sich vorbereitet, viel über die aktuelle Lage in Mexiko gelesen, Dokumentationen auf Youtube geschaut. Als Ausgleich zur Arbeit wird er sich Freunde suchen und mit ihnen Fussball spielen. Zugute kommt ihm auch sein Master in Sozialanthropologie, dem Studium der sozialen Gruppen.

Während sich andere 30-Jährige häuslich niederlassen und Familien gründen, stürzt sich Wunderlin in sein bislang grösstes Abenteuer. «Sesshaft werden kann ich auch in einem Jahr noch», sagt er, der schon in Burma, Kambodscha, Bolivien, Peru und anderen Ländern war. Der sogar den Revolutionsausbruch in Ägypten miterlebte («Zufall, ich war zum Kite-Surfen dort»). Bisher reiste er immer als Tourist. Sah auch Armut und Elend, hatte aber immer das Glück, ins sichere Basel zurückkehren zu können.

Nun will er etwas vom Glück, in Sicherheit zu leben, mit anderen teilen. Und so letztlich zu einer friedlicheren Welt beitragen. Solidarität bedeutet für ihn auch Verzicht. Besonders vermissen wird er, der gerne kocht, Brot und Schokolade. Darum nimmt er einen Vorrat mit. Gepackt hat er noch nicht. Das erledigt er diese Woche. Das WG-Zimmer neben dem Messeturm hat er untervermietet. Wunderlin freut sich riesig auf seinen Einsatz. «Auch schon habe ich mich gefragt, was mich eigentlich geritten hat, als ich mich beworben habe.» Aber es sei ja nur für ein Jahr, und Ferien habe er auch. Die Eltern werden ihn besuchen, so lautet der Plan. Mit ihnen will Wunderlin Mexiko bereisen – wie ein ganz normaler Tourist.