Afghanistan
Die Taliban schaukeln fröhlich auf dem Spielplatz und fahren Autoscooter – was hinter der freundlichen Fassade steckt

Die Islamisten geben sich zahm, verzichten auf bluttriefende Rhetorik und suchen nach internationaler Unterstützung. Doch hinter dem Auftreten der neuen Herrscher in Kabul steckt eine brutale Ideologie.

Agnes Tandler
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Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid (Mitte) vor den Medien.

Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid (Mitte) vor den Medien.

Es war ein triumphaler Empfang: Nach fast zwei Jahrzehnten kehrte Mullah Abdul Ghani Baradar, der Mitbegründer und stellvertretende Führer der Taliban, in seine Heimat Afghanistan zurück. Am Flughafen der Stadt Kandahar begrüsste eine wartende Menge den als neuen Staatschef gehandelten Guerilla-Kämpfer mit Jubelgesängen und Allahu-Akhbar-Rufen. Baradar war das bekannteste Gesicht der Taliban, die bislang nur wenig von sich preisgaben. Doch plötzlich befinden sich die Aufständischen im Rampenlicht.

Am Dienstag trat der geheimnisumwobene Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid erstmals in der Öffentlichkeit auf. Über ein Jahrzehnt lang kannte man nur seine Stimme. In einem Raum voller Reporter trug Mujahid ruhig seine Ansichten vor, gab sich offen und professionell und bat die Journalisten sogar höflich um weitere Fragen.

Selbst die Anwesenheit von Frauen schien kein Problem für den freundlichen Herren mit schwarzem Bart und Turban zu sein. «Wir haben allen verziehen, die gegen uns gekämpft haben. Wir wollen keine Konflikte mehr», erklärte Mujahid.

Auf dem Platz von Mujahid hatte zuvor Afghanistans Regierungssprecher Dawa Khan Menapal gesessen, der Anfang August von den Taliban ermordet worden war. «Niemand wird mit Rache behandelt werden», versicherte Mujahid. Auch die Rechte von Frauen sollten respektiert werden, sie sollten «studieren und arbeiten dürfen», allerdings «in den Grenzen des islamischen Sharia-Rechts». Statt bluttriefender, islamistischer Rhetorik wie früher ging es nun um Frieden, Ordnung und wirtschaftliche Prosperität.

Bewaffnet im Vergnügungspark: Fahren hier Taliban-Soldaten Autoscooter und Karussell?

Während die Taliban-Führung sich in Kabul staatsmännisch gab, streiften ihre Kämpfer durch die Stadt und genossen unschuldige Kinderfreuden. Gruppen von Aufständischen fuhren Karussell und Autoscooter, wurden auf Kinder-Schaukeln und vor Eiscreme-Ständen gesichtet.

Amerikanische Gewehre statt alter Kalaschnikows

Statt der alten Kalaschnikows waren viele bereits mit modernen amerikanischen M4-Maschinengewehren unterwegs. Es schien, als wollten die Taliban ihre Guerilla-Vergangenheit rasch hinter sich lassen.

Fast 20 Jahre lang haben die Taliban einen Aufstand gegen die westlichen Streitkräfte und die vom Westen gestützte Regierung in Afghanistan geführt. Nun dürfen sie sich als Sieger des blutigen Konfliktes am Hindukusch fühlen.

Zwischen 1996 und 2001 herrschten die Taliban in Afghanistan unter der Führung von Mullah Mohammed Omar, der als Gründer der Bewegung gilt. Der einäugige Mudjahedin-Kämpfer hatte sich seine Sporen im Kampf gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan verdient. Die Gruppe bestand fast ausschliesslich aus ethnischen Paschtunen, die im Süden Afghanistans beheimatet sind.

Den Norden, in dem ethnische Usbeken oder Tadschiken in der Mehrheit sind, beherrschten die Taliban damals nur in Teilen. Doch die Islamisten sind nicht mehr die finstere Truppe von Mullah Omar der 1990er Jahre, die öffentliche Hinrichtungen veranstalteten und Frauen mit Nagellack die Finger abschnitten.

Als Taliban-Kommandeur ordnete Baradar 2009 seine Mitstreiter an, ein kleines Büchlein mit Benimm-Regeln mit sich zu tragen. Anders als die Nato-Truppen, die ganze afghanische Dörfer in Schutt und Asche legten, schrieb Baradar vor, Gewalt nur gezielt und kontrolliert einzusetzen, um so die Sympathien der Afghanen zu gewinnen.

Es war die politische Mission des Mullahs, nach dem brutalen und wenig beliebten Taliban-Regime eine neues Kapitel aufzuschlagen. Die neue Version der Taliban sollte volksnah und auch für Nicht-Paschtunen salonfähig sein.

Suche nach internationaler Unterstützung

Während ihrer fast fünfjährigen Schreckensherrschaft in Afghanistan in den 1990er Jahren zeigten die Taliban wenig Interesse an Regierungs- und Verwaltungsgeschäften. Mullah Omar residierte weiter in Kandahar, verliess kaum sein Haus und besuchte während der Jahre seiner Herrschaft nur ganze zweimal die Hauptstadt Kabul.

International waren die Taliban geächtet. Wie der Autor Ahmed Rashid über die Gruppe schreibt, waren die Taliban unter Mullah Omar in traditionellen Stammesstrukturen gefangen und wollten keine wirkliche Staatsstruktur aufbauen.

Die jetzige Spitze der Taliban-Bewegung strebt hingegen internationale Anerkennung an. Baradar, der acht Jahre in pakistanischer Gefangenschaft verbrachte, und erst 2018 auf Drängen des früheren US-Präsidenten Donald Trump freigelassen wurde, um die Verhandlungen zwischen den USA und der Gruppe zu führen, hat Erfahrung als Diplomat gesammelt.

Der etwa 53-Jährige war seit seiner Jugend mit dem 2015 gestorbenen Taliban-Führer Mullah Omar befreundet und soll sogar dessen Schwester geheiratet haben. Baradar ist mit seiner ruhigen, staatsmännischen Art das Gegenteil des öffentlichkeitsscheuen Omar, der sich als Guerilla-Kämpfer und nie als Regierungschef sah.

«Die Taliban-Führung versucht ein Kabinett zu bilden, das für ihre vielen unterschiedlichen Fraktionen annehmbar ist, aber auch von der internationalen Gemeinschaft akzeptiert wird», glaubt der Konfliktforscher und Afghanistan-Experte Mike Martin vom King’s College in London. Leicht wird der Weg jedoch nicht sein.

Breite Einigkeit herrscht bei den Taliban darüber, dass Afghanistan nach islamischem Recht regiert werden soll. Die Taliban gehören der Deobandi-Schule des Islams an, für die die «Purda», eine strenge Trennung der Geschlechter, die strikte Auslegung von Strafe und Sühne und die militante Ablehnung anderer religiöser Strömungen innerhalb des Islams Programm sind.

Einer der Streitpunkte könnte der extrem lukrative Opiumanbau sein, den lokale Taliban-Führer kontrollieren. Die Taliban-Führung hat angekündigt, Afghanistan, das über 90 Prozent aller illegaler Drogen weltweit herstellt, zu einem drogenfreien Staat zu machen.

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