Afghanistan-Krise
Anschläge, Chaos und rivalisierende Gruppen: Kommt es jetzt zum Bürgerkrieg? Die wichtigsten Fragen und Antworten

Der US-Abzug aus Afghanistan macht dem IS den Weg frei. Sechs Fragen und Antworten nach dem Anschlag am Flughafen von Kabul.

Michael Wrase
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Wer sind die Terroristen, die am Donnerstag in Kabul mehr als 170 Menschen in den Tod rissen?

Die Gruppe nennt sich «Islamischer Staat – Khorassan»(ISK). Sie gründete sich nach der Proklamation des sogenannten IS-Kalifats von Hafiz Said Khan im Sommer 2014. Der zwei Jahre später bei einem US-Militärschlag getötete Pakistaner war ein Bewunderer des ehemaligen IS-Chef Abu Bakr al Baghdadi, dem er Treue geschworen hatte.

Der ISK operiert von der ostafghanischen Provinz Nangarhar aus. Den Taliban wirft er «Verrat am Islam» vor. Nach dem Beginn der Verhandlungen mit den USA in Katar hätten die neuen Machthaber in Kabul den Dschihad aufgegeben, behauptet der «ISK», dessen Kerngruppe aus rund 2000 Kämpfern besteht.

Ein Taliban-Kämpfer steht Wache an der Stelle des Anschlags vom Donnerstag am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul.

Ein Taliban-Kämpfer steht Wache an der Stelle des Anschlags vom Donnerstag am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul.

Keystone

Was macht die Gruppe so gefährlich?

Die Gruppe ist extrem gewalttätig. Auf ihr Konto gehen Dutzende von verheerenden Anschlägen. Neben pakistanischen und frustrierten Taliban-Kämpfern haben sich ihr auch Angehörige der kampfkräftigen Islamischen Turkistan-Partei (ITP) angeschlossen.

Das sind chinesische Uiguren, Usbeken sowie Tschetschenen. Die ITP kämpfte bis vor anderthalb Jahren in Nordwestsyrien (Idlib) gegen das Assad-Regime. Viele ihrer Mitglieder haben das Land inzwischen verlassen. In Afghanistan finden sie ein neues Betätigungsfeld.

Warum geht der «IS-Khorassan» gerade jetzt in die Offensive?

Der Zeitpunkt ist aus dem Blickwinkel der Terroristen «gut gewählt»: Der bedingungslose Rückzug der USA aus Afghanistan und die Machtübernahme der Taliban biete dem ISK das «freizügigste Umfeld für seine Aktivitäten», analysiert Amira Jadoon, eine Assistenzprofessorin an der US-Militärakademie von West Point.

Hauptziel der Gruppe sei es jetzt, politisch relevant zu bleiben, die Bemühungen der Taliban um Stabilität zu stören und so die Glaubwürdigkeit der neuen Machthaber in Kabul zu untergraben.

Nüchtern betrachtet hatten der IS und andere Dschihadistische Terrorgruppen in der Vergangenheit überall dort einen guten Nährboden und damit «Erfolg», wo, wie im Irak, Syrien, Libyen und Somalia, der Staat scheiterte und der Terror blühte. Das könnte sich jetzt in Afghanistan wiederholen.

Wie reagieren Taliban – kommt es jetzt zu einem Bürgerkrieg?

Die Taliban hatten von 1996 bis 2001 bewiesen, dass sie Afghanistan «stabilisieren» und «befrieden» konnten, indem sie die Bevölkerung terrorisieren. Das könnte sich nun in einer vielleicht geringfügig abgeschwächten Form wiederholen.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Terroranschläge werden die Taliban argumentieren, dass sich das Land nur mit eiserner Faust regieren lasse. Paradoxerweise könnten die Taliban bei der Bekämpfung des ISK allenfalls mit Luftunterstützung der USA rechnen.

Dann sitzen die Taliban und die USA jetzt also in einem Boot?

Gewissermassen. Die USA sind mit ihrem überstürzten Abzug für die sich anbahnende schwere Krise in Afghanistan verantwortlich. Und US-Präsident Biden hat bereits Rache für die in Kabul getöteten Soldaten angekündigt. Das dürfte heissen, dass Luft- oder Drohnenangriffe auf Terroristen in Afghanistan fortgesetzt werden.

Bei der Auswahl der Ziele brauchen die USA die Unterstützung der Taliban. Sie könnten nach amerikanischen Attacken die ISK leichter bekämpfen. Solche taktischen Allianzen gab es auch vor rund fünf Jahren, als iranische Revolutionsgardisten und die US Air Force den IS gemeinsam bekämpften, ohne dies an die grosse Glocke zu hängen.

Wie gross ist das Risiko?

«Die Taliban als Verbündeter der USA» wäre natürlich (propagandistisches) Wasser auf die Mühlen des IS und seines afghanischen Arms. Der wird jetzt versuchen, mit weiteren Terrorattacken das Land zu destabilisieren, was in der gegenwärtigen Phase der latenten Instabilität nicht so schwer sein dürfte.

Der Westen steht jetzt vor einem grossen Dilemma: Unterstützt er – direkt oder indirekt – die Taliban und hilft damit einer extrem fundamentalistischen Gruppe, sich an der Macht zu behaupten.

Oder riskiert der Westen einen Bürgerkrieg, was am Ende eine Renaissance des IS und seiner lokalen Filialen bedeuten könnte. Es ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera, sagte gestern der Londoner Terrorismusforscher Peter Neumann.

7. Die afghanische IS-Filiale nennt sich Khorassan. Wo liegt eigentlich dieses Khorassan?

Khorassan, was mit „Land der Sonne“ übersetzt werden kann, bezieht sich auf eine historische Region, die im dritten Jahrhundert von der sassanidischen Dynastie, dem letzten iranischen Reich vor dem Aufkommen des Islam, gegründet wurde. Es umfasst den nordöstlichen Iran, das südliche Turkmenistan sowie grosse Teile von Afghanistan.

Die IS-Dschihadisten verwenden den Begriff „Khorassan“ vor allem deshalb, weil sie die Legitimität der modernen Nationalstaaten ablehnen. Sie bevorzugten historische Begriffe, welche in der Zeit der grossen islamischen Kalifate verwendet wurden, zu denen sie jetzt zurückkehren wollten, erklärt Terrorismusforscher Peter Neumann.

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