10 Jahre Syrienkrieg
Assad lässt Kochshows verbieten und die Menschen verhungern – aber den Krieg hat er gewonnen

Seit genau zehn Jahren herrscht in Syrien Krieg. Beobachter sagen jetzt, der Diktator müsse Teil der Lösung sein.

Thomas Seibert aus Istanbul
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Bild: EPA/Keystone (Damaskus, 24. Mai 2018)

Syriens Präsident Baschar al-Assad ist so isoliert wie nie zuvor. Das liegt unter anderem an der Coronainfektion des 55-Jährigen. Offenbar hat er – genau wie seine ebenfalls infizierte Frau Asma – nur milde Symptome und wird sich für zwei bis drei Wochen aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Das ist ihm womöglich ganz recht, denn angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage in seinem Land wirkte er zuletzt zunehmend hilflos. Kürzlich setzte er sich für ein Ende von Koch-Shows im syrischen Fernsehen ein, weil darin Lebensmittel angepriesen würden, die es in Syrien längst nicht mehr gebe. Aufgeben aber will Assad auch nach zehn Jahren blutigem Bürgerkrieg nicht.

Seit 2000 regiert der ausgebildete Augenarzt das Land so autoritär, wie sein Vater Hafes al-Assad es vor ihm drei Jahrzehnte lang getan hatte. Der Arabische Frühling machte den Syrern Hoffnung auf einen Wandel in ihrem Land, doch Assad reagierte mit brutaler Härte. Damit entfachte er einen Bürgerkrieg, in dessen Verlauf er mehrfach kurz vor der Niederlage stand und 2015 nur durch die Intervention Russlands gerettet werden konnte. Heute kontrolliert er wieder rund zwei Drittel des Staatsgebietes.

Syrische Kämpfer beerdigen ihre gefallenen Kameraden nach einer Schlacht in der kurdischen Ortschaft Qamishli

Syrische Kämpfer beerdigen ihre gefallenen Kameraden nach einer Schlacht in der kurdischen Ortschaft Qamishli

Bild: AP

Fast eine halbe Million Menschen wurden seit 2011 getötet, jeder zweite der rund 17 Millionen Syrer ist auf der Flucht. Der Krieg, internationale Sanktionen und die Finanzkrise im benachbarten Libanon stürzten die Wirtschaft in eine tiefe Krise. Mehr als 80 Prozent der Syrer müssen mit weniger als zwei Franken am Tag auskommen. Die Angst vor einer Hungersnot geht um, weil die Preise für Grundnahrungsmittel innerhalb eines Jahres um 236 Prozent gestiegen sind. In diesem Jahr werden mehr als die Hälfte aller Syrer auf humanitäre Hilfe angewiesen sein. Manche Frauen in Syrien verkaufen ihre Haare an Perückenmacher, um zumindest ein wenig Geld zu verdienen.

Regime gibt Haartrockner-Tipps, statt den Hunger zu bekämpfen

Bild: CH Media/let

Das Regime versucht, Normalität vorzugaukeln. Das staatliche Stromunternehmen rate den Syrern wegen der häufigen Stromausfälle, in den Stosszeiten auf Haartrockner zu verzichten, berichtet die Syrien-Expertin Elizabeth Tsurkov auf Twitter: Dabei könne sich kaum ein Syrer einen Föhn leisten.

Manche Vertreter der Elite, darunter Verwandte des Präsidenten, protzen mit ihrem Reichtum, während Millionen von Syrern nicht wissen, wo die nächste Mahlzeit herkommen soll. Viele Syrer wünschten dem Präsidenten nach der Coronainfektion den Tod, berichtete Tsurkov. Assad ist inzwischen so unbeliebt, dass einige Beobachter annehmen, er habe seine Covid-Erkrankung vorgetäuscht, um Sympathie-Punkte zu sammeln.

Die Menschen in Syrien leben in den Ruinen ihrer einst stolzen Städte.

Die Menschen in Syrien leben in den Ruinen ihrer einst stolzen Städte.

Bild: Caritas Schweiz/Keystone

Trotzdem wackelt Assads Stuhl bislang nicht. Er hat – so die ernüchternde Bilanz nach zehn Jahren Krieg – bislang klar gewonnen, obwohl er für den Tod von hunderttausenden Menschen und für die Zerstörung des Landes verantwortlich ist. Assad kontrolliert die Armee und die Geheimdienste, die jeden Widerstand im Keim ersticken. Zudem kann er sich auf die internationalen Partner Russland und Iran verlassen, die zwar keine grossen Sympathien für den Präsidenten hegen, den Status quo aber der Unsicherheit eines Regimewechsels vorziehen.

Für spätestens Mitte Mai plant Assad eine Präsidentenwahl, bei der er sich für weitere sieben Jahre im Amt bestätigen lassen will. Seine Regierung hat fünf Gesprächsrunden mit der Opposition scheitern lassen, in der unter Leitung der UNO über eine neue Verfassung für Syrien verhandelt werden sollte. Ob und wann es eine sechste Runde geben wird, ist völlig offen.

Vorschlag: Sanktionen lockern, Assad akzeptieren

Der Versuch, das Assad-Regime mit Hilfe von Sanktionen zu stürzen, ist gescheitert. Die Gefahr einer Hungersnot lässt einige Experten über neue Wege in der Syrien-Politik nachdenken. Zu ihnen gehört der US-Diplomat Jeffrey Feltman, der als künftiger amerikanischer Syrien-Beauftragter gehandelt wird. Er schlägt vor, Assad einen schrittweisen Abbau der Sanktionen anzubieten, wenn er Hilfsorganisationen ungehindert arbeiten lässt und den Wiederaufbau von Schulen und Krankenhäusern vorantreibt. Auch die Freilassung politischer Gefangener könne so erreicht werden. Wenn sich Assads Regime querstelle, sollten die Sanktionen wieder greifen, schrieb Feltman in einer Analyse für die Denkfabrik Brookings Institution.

Verletztes Kind nach Bombenanschlag in Douma 2016: In Syriens Spitälern fehlt es an allem.

Verletztes Kind nach Bombenanschlag in Douma 2016: In Syriens Spitälern fehlt es an allem.

Bild: AP

Der Plan würde den Westen verpflichten, auf das Ziel eines Regimewechsels zu verzichten und sich mit der bitteren Tatsache abzufinden, dass Assad an der Macht bleibt. Ob sich Damaskus auf ein solches Modell einlassen würde, ist ungewiss: Bisher lehnt Assad jedes Zugeständnis ab, wie Feltman einräumt. Doch nach zehn Jahren Krieg und Zerstörung sei es einen Versuch wert.

Graffiti, Giftgas und Gräueltaten: 10 Jahre Bürgerkrieg

Der Arabische Frühling lag in der Luft, als syrische Sicherheitskräfte am 17.März Demonstranten in der südsyrischen Stadt Daraa erschossen. Die Polizei hatte zuvor Schulkinder in der Stadt verhaftet. Sie hatten regierungskritische Graffiti an Hauswände gesprüht. Proteste breiteten sich inspiriert von den Revolutionen in Ägypten und Tunesien in den folgenden Wochen wie ein Lauffeuer in Syrien aus. Präsident Bashar al-Assad gab (anders als etwa sein ägyptischer Kollege Hosni Mubarak) dem Druck der Strasse nicht nach. Er setzte im April 2011 seine Armee gegen Demonstranten ein.

Unter den Regierungsgegnern bildete die «Freie Syrische Armee», ein Zusammenschluss von unterschiedlichen, oft islamistisch orientierten Rebelleneinheiten. Es folgte ein Gemetzel, bei dem Giftgas, Fassbomben und weisser Phosphor auf syrische Städte regnete. Alle Konfliktparteien begingen Gräueltaten. Die Terrormiliz IS nutze 2014 die Wirren, um Territorium für ihr sogenanntes Kalifat zu erobern. 2015 griff Russland auf Seiten Assads in den Krieg ein. Die USA bekämpften auf syrischem Boden den IS und gemeinsam mit Israel auch die iranischen und pro-iranischen Verbündeten Assads.

Die Türkei zog in Syrien ebenfalls mehrmals in den Krieg. Sie sieht in der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens eine Bedrohung. Die UNO ging bereits 2016 von mehr als 400000 Toten aus. Zehn Jahre nach dem Ausbruch des Krieges in Syrien ist das Land in von ausländischen Mächten kontrollierte Zonen geteilt. Die Türkei dominiert die nordwestliche Provinz Idlib, Iran und Russland dominieren das offiziell von Assad kontrollierte Gebiet. Die USA und Russland konkurrieren in der Kurdenregion Rojava im Nordosten um Einfluss. Die kurdische Selbstverwaltung ist nach dem Krieg mit der Türkei im Oktober 2019 geschwächt. Das Assad-Regime gewinnt auch in Rojava wieder an Einfluss. Die letzte Offensive der syrischen Regierung gegen die von der Türkei unterstützen Aufständischen in Idlib endete im Februar 2020 mit einem zwischen der Türkei und Assads Schutzmacht Russland ausgehandelten Waffenstillstand. Assad und Russland setzen Luftangriffe gegen Stellungen ihrer Gegner in Idlib allerdings fort. (Cedric Rehman)

10 Jahre Krieg, Hunderttausende Tote: Drei Syrer erzählen von ihrem Leid

Can Mustafa*, 50, Ladenbesitzer in Rojava: «Wir fühlen uns wie gefesselt»

«Gestern musste ich eine neue Gasflasche kaufen, um für meine Familie kochen zu können. Der Händler wollte umgerechnet 30 Franken. Ich hatte keine Wahl, auch wenn das mehr ist, als die meisten Menschen derzeit im Monat verdienen. Wir fühlen uns wie gefesselt. Und wir sind es uns gewohnt, immer mal wieder nichts essen zu können. Wir sehen Menschen verhungern in unseren Strassen. Wir Kurden wissen inzwischen, wie es sich anfühlt, von der Welt im Stich gelassen zu werden.» (*Name geändert) (cre)

Muntaha Abdulrahman, 40, Kindergärtnerin in Idlib: «Wir Witwen halten alles am Laufen»

«Wenn die Bomben fallen, gehen wir mit den Kindern in den Keller und singen Lieder. Unsere Kinder kennen nichts als Krieg. Alle sind verhaltensauffällig. Für unsere Wohnung habe ich 2018 umgerechnet fünf Dollar bezahlt. Der Vermieter verlangt jetzt 100 Dollar. Oft sind es die Frauen in Idlib, die das Geld verdienen. Die Männer sind tot oder kommen als Invalide von der Front zurück. Wir sind ein Land, in dem Witwen alles am Laufen halten. Das verträgt sich nicht gut mit der Ideologie der Islamisten, die bei uns an der Macht sind.» (cre)

Mohamed Mansour*, Angestellter in Damaskus: «Acht Stunden warten für ein Brot»

«Das syrische Pfund ist nichts mehr wert, ich kann mir nicht mal mehr Gemüse oder Obst kaufen. Wir ernähren uns von Brot (ich muss manchmal acht Stunden Schlange stehen dafür) und dem, was wir eingemacht haben. Der Hunger macht die Menschen rasend. Viele meiner Nachbarn sind am Coronavirus gestorben. Die Regierung hat offiziell bei uns natürlich die Lage im Griff. Aber jeder weiss, dass das nicht stimmt. Was mich enttäuscht, ist die Gleichgültigkeit der Welt. Viele schauen einfach nur zu.» (*Name geändert) (cre)