Deutschland
CDU-Legende Wolfgang Bosbach zur Kanzlerfrage: «Die Debatte um Söder ist vergleichbar mit jener um Jogi Löw»

Die CDU wählt ihren neuen Chef und sucht den Kanzlerkandidaten. Der langjährige CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach hat einen klaren Favoriten. Und hätte nichts gegen einen Kanzler Markus Söder - sofern dieser überhaupt will.

Interview: Christoph Reichmuth aus Berlin
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Hat eine gewisse Nähe zur Schweiz - und zu Markus Söder: Der deutsche CDU-Politiker Wolfgang Bosbach am 1. August 2019 in Samnaun.

Hat eine gewisse Nähe zur Schweiz - und zu Markus Söder: Der deutsche CDU-Politiker Wolfgang Bosbach am 1. August 2019 in Samnaun.

Nadja Simmen / swiss-image.ch

Die CDU wählt am Samstag einen neuen Parteichef. Wer soll das Rennen machen?

Wolfgang Bosbach: Ich habe in meiner Zeit als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union mit dem Fraktionschef Friedrich Merz hervorragende Erfahrungen gemacht - politisch wie persönlich. Ich habe ihn als integer und zuverlässig kennen und schätzen gelernt. Wenn ich Delegierter wäre, dann hätte Friedrich Merz meine Stimme.

Und wie wahrscheinlich ist es, dass Ihr Wunschkandidat gewinnt?

Ich spüre einen deutlichen Unterschied zwischen der Basis der Partei und der Parteiprominenz. Je höher in der Hierarchie die Delegierten stehen, desto grösser wird ihre Sympathie für Armin Laschet. Die Parteiprominenz tendiert eher zu Armin Laschet. Nun muss man wissen, dass der CDU-Parteitag keinen Querschnitt der Partei abbildet - anders als bei der CSU sind bei der CDU die Delegierten doch überwiegend Funktions- und Mandatsträger. Das Rennen ist offen. Ich glaube auch, dass Norbert Röttgen ein respektables Ergebnis erzielen wird.

Einer von ihnen wird neuer CDU-Chef - und möglicher Merkel-Nachfolger im Kanzleramt: Norbert Röttgen, Armin Laschet und Friedrich Merz (von links) bei einem gemeinsamen Auftritt im Oktober bei der Jungen Union.

Einer von ihnen wird neuer CDU-Chef - und möglicher Merkel-Nachfolger im Kanzleramt: Norbert Röttgen, Armin Laschet und Friedrich Merz (von links) bei einem gemeinsamen Auftritt im Oktober bei der Jungen Union.

Michael Kappeler / AP

Die CDU-Mandatsträger setzen lieber auf das Bewährte, um ihre eigenen Posten zu sichern. Armin Laschet steht für eine Fortführung der für die Union durchaus erfolgreichen Politik von Kanzlerin Merkel.

Es ist gut möglich, dass viele Mandatsträger keine Zäsur möchten zu der langen Ära von Angela Merkel. Zugleich wünsche ich mir Aufbruchstimmung und ein politisches Profil, das uns klar von der politischen Konkurrenz unterscheidet. Die Union war immer dann erfolgreich, wenn sie nicht eine Variante von anderen Parteien war. Viele an der Basis vermissen, dass wir mit unseren politischen Forderungen und Haltungen nicht mehr so klar unterscheidbar sind von der politischen Konkurrenz wie in früheren Jahren.

Sollte der CDU-Chef, wer auch immer es wird, gleich auch für die Union ins Kanzler-Rennen steigen?

Das ist nicht zwingend, aber das war sehr häufig der Fall. Wir werden uns bei der Union in der Kanzler-Frage immer mit der CSU abstimmen müssen, da wir nur gemeinsam Erfolg haben können.

Dann wäre für Sie ein Kanzler Markus Söder also denkbar?

CDU-Urgestein Wolfgang Bosbach.

CDU-Urgestein Wolfgang Bosbach.

Sascha Steinbach / EPA/2018

Wenn es bei der Haltung von Markus Söder bleibt, wonach sein Platz in Bayern ist, macht die Diskussion über eine mögliche Kanzlerkandidatur von Markus Söder keinen Sinn. In dem Fall wird der neuen CDU-Chef auch der Kanzlerkandidat der Union sein. Ich gehe nicht davon aus, dass Armin Laschet oder Friedrich Merz CDU-Vorsitzende werden wollen, nicht aber Kanzlerkandidaten. Die Debatte um Markus Söder ist vergleichbar mit der Diskussion um Bundestrainer Jogi Löw. Der ideale Bundestrainer wäre Jürgen Klopp, heisst es immer und immer wieder. Aber der will ja im Moment gar nicht Bundestrainer werden. Also macht so eine Debatte keinen Sinn. Weder um Markus Söder noch um Jürgen Klopp.

Allerdings ist Söder einer der beliebtesten Politiker und er kokettiert deutlich mit dem höchsten Amt im Land. Der bayerische Ministerpräsident wäre doch das beste Zugpferd für die Union?

Ich vertrete die altertümliche Auffassung, dass die Union mit jenem Kandidaten ins Rennen steigen soll, mit dem sie die besten Wahlchancen hat. Stand jetzt ist das Markus Söder. Aber ich kann mich nur wiederholen: Wenn Markus Söder sagt, dass er lieber in Bayern bleiben will, erübrigt sich diese Debatte.

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn soll seine Chancen auf die Kanzlerkandidatur ausgelotet haben. Hätte er das Zeug zum Kanzler?

Jens Spahn tritt ja im Gepäck mit Armin Laschet als dessen Vize-Vorsitzender zur morgigen Wahl an. Würde aber Jens Spahn als CDU-Chef und Armin Laschet als sein Vize antreten, hätten wir tatsächlich eine neue Lage. Aber 2021 kommt für Jens Spahn viel zu früh. Er ist jung und hat noch viel Zeit. Ich traue ihm die Kanzlerschaft aber genauso zu wie allen anderen Kandidaten auch.

Die SPD musste 16 Jahre lang darauf warten, um endlich nicht mehr gegen die in der Bevölkerung beliebte Kanzlerin Merkel in eine Wahl zu gehen. Wenn die CDU jetzt den Wirtschaftsvertreter und Liebling der Konservativen, Friedrich Merz, ins Rennen schickt, können die Genossen ihr Glück wohl kaum fassen. Endlich Wahlkampf und die Chance zur Profilierung für die strauchelnden Genossen.

Richtig ist, dass Merz wie kein anderer die eigene Partei mobilisieren würde, aber auch die politische Konkurrenz. Aber wenn die CDU-Delegierten Merz nicht an die Parteispitze wählen, weil sie glauben, er sei zu wirtschaftsnahe, dann ist das ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich die Union in den letzten Jahren verändert hat. Es war früher ein Prädikat, wenn es über jemanden hiess, der habe Ahnung von Wirtschaft. Das fanden wir bei der CDU früher immer toll. Heute reagieren wir auf diese Kompetenz skeptisch. Das verstehe ich nicht.

Sie haben Angela Merkel, etwa in der Flüchtlingskrise, scharf kritisiert. Ende Jahr geht ihre Ära definitiv zu Ende. In einer Welt, in der Populisten an die Macht streben, hatte Deutschland mit Frau Merkel eine sachliche und pragmatische Regierungschefin. Werden Sie Frau Merkel vermissen?

Wir haben in 39 Jahren drei Bundeskanzler gehabt. Helmut Kohl von 1982 bis 1998, Gerhard Schröder danach bis 2005 und seither Angela Merkel. Wenn man sich ein wenig in Europa umschaut: Es dürfte keine Demokratie geben, die weniger Regierungschefs in dieser langen Zeit gehabt hat als Deutschland. Das ist ein Zeichen von Stabilität. Ich habe von der Persönlichkeit und der politischen Lebensleistung der Kanzlerin immer Respekt gehabt. Sie hat ein überragendes Ansehen, auch international. Jeder Nachfolger wird sich dieses Standing erst erarbeiten müssen.

Wir müssen aufpassen, dass es am Ende nicht doch für rot-rot-grün reicht.

Die nächste Bundesregierung dürfte aus Union und Grünen bestehen. Einverstanden?

Ich halte überhaupt nichts davon, diese Debatte jetzt zu führen. Wir brauchen den Wahlkampf der Union mit Programmatik von CDU und CSU. Koalitionen kommen nur zustande, wenn sie Mehrheiten und ein tragfähiges Konzept haben. Ich kann nicht zu Schwarz-Grün ja sagen, solange ich nicht weiss, was die inhaltlichen Abmachungen einer solchen Koalition wären. Zudem müssen wir aufpassen, dass es am Ende nicht doch für rot-rot-grün (SPD, Linkspartei, Grüne) reicht. Wenn es für das links-grüne Bündnis reicht, wird es eine solche Regierung auch geben.

SPD-Kanzlerkandidat und Finanzminister Olaf Scholz dürfte kaum auf eine Regierung mit der Linkspartei setzen.

Auf Olaf Scholz wird die SPD keine Rücksicht nehmen, wenn es für rot-rot-grün reichen sollte.

In der Pandemie hat die AfD an Boden verloren. Zudem steckt sie in Flügelkämpfen und es droht demnächst die Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Ist die Union ihren Gegner auf der rechten Flanke schon bald wieder los?

Nein, wir müssen aufpassen. Im Moment kippt die Stimmung in der Bevölkerung, weil es immer mehr Menschen gibt, die wirtschaftlich in den Abgrund blicken. Von dieser Stimmung könnte die AfD profitieren. Es ist nicht damit zu rechnen, dass die derzeit grösste Oppositionspartei im September aus dem Bundestag fliegen wird.

Wolfgang Bosbach (68) sass für die CDU von 1994 bis zu seinem Rücktritt 2017 im Bundestag. Der Innenpolitiker und Jurist war 2000 bis 2009 stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Union. Er stammt wie alle drei CDU-Kandidaten aus Nordrhein-Westfalen.