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Beim Klima kämpft China für sich allein – und baut neue Kohlekraftwerke

Am Gipfeltreffen in Glasgow glänzt Staatschef Xi Jinping durch Abwesenheit – sein Land steigert erneut die Kohleproduktion.

Fabian Kretschmer, Peking
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Kraftwerk in Shandong: China kommt so schnell nicht von der Kohle weg.

Kraftwerk in Shandong: China kommt so schnell nicht von der Kohle weg.

Die UNO-Klimakonferenz in Glasgow hält viele Enttäuschungen bereit, doch die am stärksten debattierte ist bislang das Fernbleiben von Xi Jinping. Der Staatschef des mit Abstand grössten Klimasünders der Welt liess lediglich eine schriftliche Stellungnahme per Brief verlesen.

Die Begründung aus dem Pekinger Aussenministerium wirkt geradezu unfreiwillig komisch: «Die Gastgeber der Konferenz haben nicht die Möglichkeit bereitgestellt, per Videokonferenz teilzunehmen», heisst es von Sprecher Wang Wenbin. Als ob es am fehlenden Zoom-Link gescheitert wäre.

Joe Biden (l) kritisiert Xi Jinping: Die Abwesenheit von Chinas Staatschef in Glasgow sei ein Fehler, so der US-Präsident.

Joe Biden (l) kritisiert Xi Jinping: Die Abwesenheit von Chinas Staatschef in Glasgow sei ein Fehler, so der US-Präsident.

Alex Brandon, Eraldo Peres / AP

Die Angelegenheit hat sich seither zur regelrechten Fehde zwischen den zwei Weltmächten entwickelt. US-Präsident Joe Biden bezeichnete die Abstinenz seines chinesischen Amtskollegen als «grossen Fehler».

Pekings UNO-Botschafter Zhang Jun hingegen holte auf Twitter zum Gegenschlag aus: «Was wir brauchen, sind Verpflichtungen und kontinuierliche Handlungen – und keine luxuriösen Autokolonnen, oder dass wir Menschen einem unnötigen Infektionsrisiko aussetzen», schrieb er.

Peking ordnet seine Prioritäten neu

Dass Xi Jinping die Reise nach Glasgow nicht antrat, hat zwar vorrangig mit der Coronapandemie zu tun. Seit zwei Jahren hat das Oberhaupt der Kommunistischen Partei die eigenen Landesgrenzen nicht mehr verlassen. Doch der 68-jährige sendet damit auch ein politisches Signal nach aussen – nämlich, dass das Reich der Mitte dem internationalen Politparkett immer weniger Bedeutung beimisst.

Doch ohne China, so viel steht fest, kann die internationale Staatengemeinschaft die globale Klimakrise nicht meistern. Seit über einem Jahrzehnt bereits konsumiert die Volksrepublik so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen. Und die jüngsten Entwicklungen aus Peking sind durchaus alarmierend: Chinas Anteil am weltweiten Treibhausgasausstoss ist im letzten Jahr nochmals deutlich gestiegen.

Das Reich der Mitte war 2020 für 31 Prozent der globalen Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich, wie der Forschungsverbund «Global Carbon Projects» aktuell berichtet. 2019 waren es noch 27 Prozent.

«Letzte Chance fürs Klima»: Aktivisten ermahnen die Staatenlenker in Glasgow zum Handeln.

«Letzte Chance fürs Klima»: Aktivisten ermahnen die Staatenlenker in Glasgow zum Handeln.

Andrew Milligan / AP

Natürlich ist dies nur eine Seite der Medaille: China hat eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden, pro Kopf ist der Energieverbrauch noch deutlich geringer als etwa in den Vereinigten Staaten. Zudem liegt das Wohlstandsniveau der Volksrepublik nur bei etwa einem Drittel im Vergleich zur europäischen Union.

Parteizeitung macht Stimmung gegen Industrieländer

All dies könnte man also durchaus als mildernde Umstände werten – und dennoch sieht man es in Glasgow und darüber hinaus als enttäuschend an, dass sich Chinas Staatsführung aus der Verantwortung zieht und die Opfer-Rolle überstülpt. In der Parteizeitung «Global Times» heisst es in einem Leitartikel: «Die Bürger der entwickelten Länder haben die Vorteile der Industrialisierung auf Kosten der Umwelt genossen». Nun würden diese jedoch von Entwicklungsländern verlangen, ihre industrielle Entwicklung zu stoppen, um die Klimaziele zu erreichen.

Fakt ist: Chinas Regierung hat ambitionierte Ziele vorgelegt. Bis 2030 will Peking seinen Höchststand an CO2-Emissionen erreicht haben, bis 2060 vollkommen schadstoffneutral sein. Das bedeutet: Jede Emission, die ab diesem Zeitpunkt in China ausgestossen wird, muss anderswo kompensiert werden.

Hunderttausende Bergleute in 900 Kohleminen

Wie überaus schwierig dies wird, lässt sich in Shanxi im nordwestlichen Herzland Chinas beobachten. In den 900 Kohleminen der Provinz sind hunderttausende Bergleute beschäftigt, rund sechs Prozent der Bevölkerung hängt von der Industrie ab. Mittelfristig stehen die Kumpel zwar vor einer beruflich ungewissen Zukunft, doch vorerst müssen sie sich noch nicht sorgen: Denn inmitten der grössten Energiekrise seit über einem Jahrzehnt hat Chinas Vize-Premier Han Zheng nun angeordnet, die Kohleproduktion vorübergehend bis zum Anschlag anzukurbeln.

«Erneuerbare Energien sind zwar zweifelsohne ein grosses Thema in China, aber noch machen die nicht mehr als neun oder zehn Prozent des gesamten Energie-Mix aus. Kohle dominiert nach wie vor», sagt Jörg Wuttke, Präsident der europäischen Handelskammer in Peking. Bis auf weiteres werden über 60 Prozent des Energiebedarfs mit Kohle gedeckt.

Dies wird sich erst ändern, wenn die Kapazitäten für erneuerbare Energien den Kohleausstieg abfedern können. Tatsächlich investiert China nämlich durchaus massiv in Solarzellen, Windturbinen und Wasserkraftanlagen. Die Geldsummen, die Pekings Staatsführung bereitstellt, stellen auch die Beiträge der europäischen Union deutlich in den Schatten. Und dennoch ist das Tempo zu langsam, denn mit der gestiegenen Produktion von nachhaltigen Energien ist gleichzeitig auch der gesamte Stromverbrauch angewachsen.

Mit dem Wirtschaftsmodell kaum vereinbar

Hinzu kommt ein anderer Punkt. «Kohle ist nach wie vor mit der Energiesicherheit des Landes verbunden», sagt Renato Roldao, Klimaexperte beim Beratungsunternehmen ICF: «Erst wenn die Energiewende beschleunigt wird, gibt es dem System mehr Flexibilität, seine Abhängigkeit von Kohle zu reduzieren».

Mittelfristig wird es China auf seinem Pfad zur Nachhaltigkeit schwerhaben, wenn es nicht sein Wirtschaftsmodell ändert. Fast 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden entweder im Bausektor oder in Industriebranchen generiert. Dies hat dem Land auch im Coronajahr eine schnelle Erholung aus der Krise beschert: Die Fabriken produzierten Waren für den Export, die Arbeiter wurden mit dem Bau von Infrastruktur beschäftigt gehalten. Doch immer mehr wird deutlich, dass jene Art von Wachstum zunehmend Raubbau an der Natur ist.

Nirgendwo lässt sich dies deutlicher sehen als dieser Tage in Peking. Wer dort aus dem Fenster blickt, kann vor lauter Smog kaum mehr die Novembersonne am ergrauten Himmel ausmachen.

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