Reportage
Das organisierte Chaos auf Lesbos: Wo Laien Leben retten

Hunderte Freiwillige aus der ganzen Welt helfen auf der Ägäis-Insel Lesbos Flüchtlingen. Sie nehmen Ferien, um Menschen aus Syrien, Irak oder Afghanistan mit dem Nötigsten zu versorgen. Die Freiwilligen stossen dabei an ihre Grenzen.

Annika Bangerter (Text), und Roland Schmid (Fotos), Lesbos
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Flüchtlings-Chaos auf Lesbos
23 Bilder
Helfer ziehen die Boote durch die Brandung an den Strand
Zuerst werden Kinder und Frauen an den Strand gebracht
Völlig entkräftet wird dieser Mann an den Strand getragen
Viele der Flüchtlinge sind unterkühlt und werden mit Wärmedecken versorgt
Ein Flüchtling meldet der Familie seine geglückte Ankunft in Griechenland
Für die Überfahrt werden auch richtige Schiffe verwendet
Dieses Flüchtlingskind erlitt durch eine Bombe schwere Verbrennungen im Gesicht
Kräftesammeln nach der kräfteraubenden Überfahrt
Helfer und Flüchtlinge am Strand
Das Geschäft mit der Not: Ein griechischer Händler verkauft Früchte
Das Geschäft mit der Not: Den Flüchtlingen werden europäische SIM-Karten verkauft
Wer Glück hat kommt in einer UNHCR-Notstelle unter
Wer Pech hat muss im Freien übernachten
Sorge um die Zukunft: Eine Mutter mit Tochter auf dem Weg nach Europa
Das Lager bei Tag gesehen
Ein Vater tröstet sein Kind
Vor dem Registrierungscenter in Moria, danach ist der Weg auf die Fähre und nach Kontinentaleuropa frei
Das UNHCR transportiert Flüchtlinge von der Küste zum Camp Moria
Ziehen die Flüchtlinge weiter Richtung Kontinentaleuropa, bleiben verwaiste Boote an der Küste von Lesbos zurück
Der Abfall erinnert an das Chaos, das dieser Tage auf Lesbos herrscht
Abgelegte Identitäten: Weggeworfene Dokumente einer afghanischen Flüchtlingsfamilie - sie wurden in der Türkei ausgestellt
Am Ende zeugen zahlreiche Schwimmwesten von den Tausenden Flüchtlingen die wöchentlich in Lesbos ankommen

Flüchtlings-Chaos auf Lesbos

Roland Schmid

Maria rennt über die grauen Steine am Strand. Auf dem Parkplatz reisst die junge Griechin die Türe des gelben Pick-ups auf, sucht zwischen Schwimmbrettern nach einem Seil. Auf dem Meer blasen die Menschen in die Trillerpfeifen ihrer Schwimmwesten.

Die Route der Flüchtlinge

Die Route der Flüchtlinge

Nordwestschweiz

Wie ein weit entferntes Schiffshorn klingen die Töne an der Nordküste von Lesbos. Leise, aber schrill, verzweifelt. Auf einem weiss-grauen Schlauchboot erkennt man undeutliche Gestalten, sieht, wie einige neben dem Boot im Wasser treiben.

Die Menschen schreien, winken mit den Paddeln. Ihr Boot steht still, der Motor hat aufgehört zu knattern. Das Meer kräuselt sich leicht, der Wind bläst das Boot in Richtung Türkei zurück. Dahin, wo Schmuggler die Menschen kurz zuvor in ein viel zu kleines Boot zwängten.

Hier holen griechische und spanische Rettungsschwimmer Flüchtlinge an Land:

Im Sommer steht die Rettungsschwimmerin Maria in Griechenland zwischen Sonnenschirmen und Badegästen. In den Wintermonaten arbeitet die junge Griechin mit den braunen Locken als Fitnessinstruktorin. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Statt in Athen bewegungshungrige Städter zum Schwitzen zu bringen, stürzt sich Maria Tag für Tag ins kalte Wasser. Die Bilder in den Medien brachten die 29-Jährige nach Lesbos.

«Ich war schockiert, als ich erfuhr, dass vor unserer Küste Menschen ertrinken. Als Rettungsschwimmerin kann ich gar nicht anders, als hier zu helfen», sagt sie.

Die junge Griechin bezahlt ihren Einsatz mit ihren Ersparnissen – so wie die anderen freiwilligen Helfer auch. Zu Hunderten reisen sie auf die Ägäis-Inseln oder in den Balkan, um Flüchtlingen beizustehen. Über Facebook und eine Google-Karte informieren sie sich, wo die Not am grössten ist.

Drei Helfer Porträts:

Marit Neukomm(Mitte) bringt 700 Rettungsdecken auf die Insel. Die Bilder im Fernsehen schrecken die Aargauerin auf. «Ich muss dabei immer an meine Kinder denken. Was wäre, wenn wir flüchten müssten?», sagt Marit Neukomm. Deshalb startete die Lehrerin einen Spendenaufruf unter Freunden. Nach zwei Wochen standen drei Tonnen Material in verschiedenen Garagen. Mit 700 Rettungsdecken, 250 Skisocken, warmen Kleidern und Baby-Fläschchen reiste sie mit 14 anderen Freiwilligen ihres neu gegründeten Vereins «Volunteers for Humanity» nach Lesbos. (aba)
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Rayyan Haries kocht bis zu 4000 Mahlzeiten pro Tag. «Essen ist Hoffnung», sagt der malaysische Koch Rayyan Haries. Deshalb reist er dorthin, wo Not herrscht: in die Philippinen nach einem Taifun oder in das Tsunami-versehrte Japan. «So eine schlimme Situation wie auf Lesbos sah ich noch nie. Gebäude können aufgebaut werden, hier kommen stets neue, verzweifelte Menschen an.» Morgens arbeitet er als Digitalstratege via Internet. Danach kauft er ein, stellt sich hinter den Herd. Bis zu 4000 Mahlzeiten täglich gibt der Koch gratis ab – wenn er genug Spender hat. (aba)
Markus Alt (links) koordiniert Ärzte an der Küste. Der Schweizer Markus Alt arbeitet als Katastrophen- und Entwicklungshelfer. Auf Lesbos koordiniert er aushilfsweise als Freiwilliger die Ärzte der neuen Organisation «Adventist Help». In einem gut ausgerüsteten Bus versorgen sie Schnittverletzungen, eitrige Wunden oder machen Ultra-Schalle. Einige Schwangere sehen ihr Baby in diesem Bus zum ersten Mal. Alt imponiert die Länder- und Religionsübergreifende Zusammenarbeit: «Wären all diese Helfer nicht hier, würde ein grosses Elend herrschen.» (aba)

Marit Neukomm(Mitte) bringt 700 Rettungsdecken auf die Insel. Die Bilder im Fernsehen schrecken die Aargauerin auf. «Ich muss dabei immer an meine Kinder denken. Was wäre, wenn wir flüchten müssten?», sagt Marit Neukomm. Deshalb startete die Lehrerin einen Spendenaufruf unter Freunden. Nach zwei Wochen standen drei Tonnen Material in verschiedenen Garagen. Mit 700 Rettungsdecken, 250 Skisocken, warmen Kleidern und Baby-Fläschchen reiste sie mit 14 anderen Freiwilligen ihres neu gegründeten Vereins «Volunteers for Humanity» nach Lesbos. (aba)

Annika Bangerter

Es sind Menschen, die zu Hause einen geregelten Alltag haben: Lehrer, Köche oder kaufmännische Angestellte. Für ihre Einsätze nehmen sie Ferien, unbezahlten Urlaub oder sagen grosse Reisen ab.

Jubel und Ohnmacht
Auf der Insel Lesbos ist die Situation seit Monaten dramatisch. Obwohl sich die Wetterbedingungen verschlechtern, kommen pro Tag durchschnittlich 3300 Menschen in Booten an. Aktuell ist das Meereswasser 17 Grad kalt. Entsprechend unterkühlt sind die Flüchtlinge, wenn sie Europas Grenze passieren.

Durchnässt kommen alle an. Auf sie warten weder ein Krankenwagen noch Polizisten oder Soldaten. Weil die offizielle Hilfe versagt, versuchen unzählige Freiwillige, die humanitäre Katastrophe abzuwenden. Sie tragen Kinder aus Booten, hüllen schlotternde Menschen in Rettungsdecken, leisten medizinische Hilfe.

Die Flüchtlinge kommen nach stundenlanger Fahrt klatschnass und unterkühlt an und müssen gewärmt werden:

Je nach Überfahrt und körperlichem Zustand betreten die Flüchtlinge Europa unterschiedlich. Einige steigen jubelnd aus, umarmen ihre Angehörigen, küssen den Boden, machen ein Selfie. Andere sacken ohnmächtig oder weinend zusammen. Es sind auffällig viele Familien mit Kleinkindern und Babys an Bord. Die meisten flüchteten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.

Herzinfarkt am Strand
In Lesbos werden sie von Helfern aus ganz Europa in Empfang genommen. Auch Freiwillige aus Israel, Südafrika, Argentinien oder den USA reisen extra an. So auch Mary. Die Anwältin aus Kalifornien ist ausgebildete Rettungssanitäterin.

Als eine griechische Freundin ihr von der Lage schrieb, buchte sie spontan einen Flug. Zwei Wochen steht die Mutter zweier Töchtern nun mit einem Rucksack voller Medikamente an der Nordküste. Es ist kurz vor Mittag, als sie bereits ein bewusstloses Kind und einen Mann mit Herzinfarkt medizinisch erstversorgt hat.

Weil sie weder arabisch noch Farsi spricht, sind die sprachlichen Barrieren für sie die grössten Herausforderungen. «Wir bräuchten Übersetzer. Alles lässt sich nicht in Körpersprache ausdrücken», sagt sie.

Der Einsatz sei mental schwierig, weil nichts planbar ist. Zudem beschäftigen sie Einzelschicksale. Beispielsweise die Syrerin, die in der Türkei eine ihrer Nieren verkaufte, um die Überfahrt für sich und ihre Kinder zu bezahlen. «Erst hier realisiert man, was in Europa tatsächlich los ist», sagt Mary. Die Attentate in Paris oder die Angst vor möglichen Terroristen in den Schlauchbooten seien unter den Freiwilligen hingegen kein Thema.

«Wir können die Tausenden von Flüchtlingen wegen möglicher Einzelpersonen nicht im Stich lassen. Schliesslich kämpfen wir hier für die Menschlichkeit», sagt Mary.

Neue Organisationen entstehen
Wer die unzähligen Helfer an der Nordküste beobachtet, denkt angesichts der bedruckten T-Shirts, Erste-Hilfe-Koffer oder gar Jetski an etablierte Hilfswerke. Doch der Anblick täuscht. Die Organisationen sind grösstenteils in den letzten Wochen ad hoc entstanden – die Profis hingegen sind kaum präsent.

Das ist der Grund dafür, dass sich einzelne Freiwillige zu Gruppen zusammengeschlossen haben. Sie suchten private Spender und bauten innert Kürze so etwas wie Strukturen auf.

Eine solche Gruppe richtete am Rande des Fischerdörfchens Skala Sikamineas ein improvisiertes Empfangslager mit dem Namen «Lighthouse» ein. Einer der sechs Gründer ist Mats aus Oslo. Der Skilehrer mit den langen blonden Haaren kam Anfang September als einer der Ersten nach Lesbos.

In ein paar Tagen fährt er nach Hause. Er brauche eine kurze Pause, denn er sei «sehr, sehr müde». Der Norweger steht am Eingang vom «Lighthouse». Dort bekommen die Flüchtlinge trockene Kleider, Tee, Früchte – und Babys ein Fläschchen.

Diese Woche stellten Helfer Toiletten und zusätzliche Schlafzelte auf. Wer nach zehn Uhr abends in Lesbos strandet, findet dort Unterschlupf. Alle anderen müssen zwei Kilometer ins Landesinnere zum Durchgangslager marschieren.

Wie bei anderen Teams reisen auch beim «Lighthouse» fast jede Woche neue Freiwillige an. Häufig bleiben sie nur einige Tage. Ihre Einführung beansprucht die Koordinatoren. Obwohl Mats sich Helfer wünscht, die länger bleiben, ermutigt ihn die Solidarität der Kurzaufenthalter.

«Seit ich hier bin, habe ich die Hoffnung in die Politik verloren. Die Hilfe, die wir in Lesbos leisten, ist nicht Aufgabe von Privaten. Das müssten die Staaten organisieren. Sie versagen in dieser Situation aber komplett», sagt Mats.

Einige hundert Meter weiter steht die Rettungsschwimmerin Maria bereits wieder brusttief im Wasser. Mit dem Seil aus dem Pick-up hatte ihr Team das in Seenot geratene Schlauchboot an Land gezogen.

Die Helfer hatten noch nicht einmal alle Flüchtlinge in Wärmedecken gepackt, da erspähten die Rettungsschwimmer bereits das nächste Boot. Es sollen an diesem Tag noch viele folgen.

So geht die Reise der Flüchtlinge auf Lesbos weiter. Nach Moria müssen die Flüchtlinge, um sich zu registrieren. Es gibt dort einige UNHCR-Zelte, um zu übernachten. Doch die meisten müssen im Olivenhain schlafen:

Die Not der Flüchtlinge ist für die Griechen auch ein Geschäft. Sie verkaufen Essen und Zelte:

Wer nach Athen weiter will, muss sich registrieren lassen. Hunderte warten und organisieren ihren Zugang zum Zentrum selber:

Von Athen geht die Reise weiter über den Balkan nach West-Europa.