Analyse
Die EM will den europäischen Esprit feiern – und droht, zum politischen Spielfeld zu werden

Seit jeher waren Fussball-Europameisterschaften politisch heikle Angelegenheiten. Das ist 2021 nicht anders – im Gegenteil.

Stefan Brändle, Paris
Stefan Brändle, Paris
Merken
Drucken
Teilen
Ein Auftritt mit Konsequenzen: Die Schweizer Nati demonstrierte vor dem EM-Qualifikationsspiel in Göteborg am 6. September 1995 mit einem Transparenz gegen die atomaren Versuche von Frankreich im Südpazifik.

Ein Auftritt mit Konsequenzen: Die Schweizer Nati demonstrierte vor dem EM-Qualifikationsspiel in Göteborg am 6. September 1995 mit einem Transparenz gegen die atomaren Versuche von Frankreich im Südpazifik.

Keystone

Es ist kein Zufall: Die Idee eines «Europapokals» entstand vor rund 70 Jahren fast zeitgleich mit den Römer Verträgen, die zur Bildung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG und dann der EU führten. Ziel des Grossevents war auch, die Spaltung Europas in Ost und West zu verhindern. Die schöne Absicht wurde allerdings von der harten Realität des Kalten Kriegs durchkreuzt. Bei der ersten Fussball-Europameisterschaft von 1960 schlug Francos Spanien die Partie gegen die Sowjetunion aus. 1964 weigerte sich Griechenland, gegen das kommunistische Albanien anzutreten.

Mit dem Fall der Sowjetunion entspannte sich die Lage an den EM-Turnieren. Nur noch kleinere «Agitprop-Aktionen» störten das Spiel mit dem runden Leder. Etwa der Schweizer Nati-Star Alain Sutter, der 1995 vor einem Qualifikationsspiel mit dem Transparent «Stop it Chirac» gegen die französischen Atomversuche im Südpazifik protestierte. Die UEFA verbot daraufhin alle politischen Äusserungen auf dem Rasen.

Was wird Putin tun, wenn Russland auf die Ukraine trifft?

Neulich machen die politischen Umstände dem europäischen Fussballverband aber wieder mehr Arbeit. Nationalistische Tendenzen treten vermehrt zu Tage und machen sich auf dem Spielfeld bemerkbar. Die Polemik um den albanischen Doppeladler ist nur ein Beispiel, wie komplex die Lage geworden ist. Bei einem EM-Quali 2019 salutierten türkische Nationalspieler auf dem Fussballfeld, um den Syrienkurs ihres Präsidenten zu unterstützen.

Die EM 2016 in Frankreich ist in schlechter Erinnerung geblieben, weil deutsche Rechtsextremisten vor dem Ukraine-Spiel die Reichskriegsflagge schwenkten. In Marseille lieferten sich Hooligans aus England und Russland Strassenschlachten. Und in Moskau frohlockte der Vize-Parlamentspräsident auch noch, die Schläger seines Landes hätten die «Ehre Russlands» verteidigt.

Nicht nur auf der Strasse, sondern auch im Stadion kam es 2016 zu Auseinandersetzungen zwischen russischen und englischen Fans.

Nicht nur auf der Strasse, sondern auch im Stadion kam es 2016 zu Auseinandersetzungen zwischen russischen und englischen Fans.

Thanassis Stavrakis / AP

Die neueste EM wirft mehr Fragen denn je auf. Werden die Türken bei dem Auftaktspiel gegen die Italiener wieder mit der Hand an der Schläfe Erdogan grüssen? Wird es bei England-Schottland ohne Brexit-Pöbeleien abgehen? Und was wird Putin tun, wenn die Russen gegen die Ukrainer antreten müssen – und verlieren? Die UEFA hatte schon bei den Qualifikationsspielen Duelle untersagt: Kosovo durfte nicht gegen Bosnien oder Serbien antreten, Spanien nicht gegen Gibraltar. Die UEFA nennt das «prohibited clashes», verbotene Zusammenstösse. Zum Glück für den Frieden in Europa haben sich die meisten dieser Nationalteams nicht für die EM-Schlussrunde qualifiziert.

Gibts auch Nadelstiche gegen die Schweiz?

Vielleicht verhelfen diese «nationalen» Tendenzen den europäischen Instanzen wenigstens zu einer Einsicht, was die Schweiz belangt: Die von Bern vertretenen Positionen und Argumente sind nicht nationalistisch-aggressiv gegen andere gerichtet, sie gelten einzig dem Schutz eidgenössischer Eigenheiten, allen voran der direkten Demokratie.

Die Schweiz braucht es gar nicht zu sagen, die Spannungen rund um die Fussball-EM sprechen für sich selbst: Die EU hat jedes Interesse, mit friedfertigen Partnerländern wie der Schweiz ein gutes Auskommen zu wahren, wenn Europa unter harten Druck von aussen gerät. Im Clinch mit auftrumpfenden diplomatischen Schwergewichten wie in London, Moskau und Ankara findet Brüssel hoffentlich gar nicht die Zeit für Strafaktionen oder auch nur «Nadelstiche» wegen des gescheiterten Rahmenabkommens.

Es sei denn, die Schweizer werfen an der EM nacheinander die Deutschen, Franzosen und Italiener aus dem Turnier – aber das will ja niemand ernsthaft befürchten.