Doppelte Krise
«Ein solches Elend habe ich in Paris noch nie erlebt»: Franzosen starten hungrig in Lockdown

Ab Mitternacht sind weite Teile des Landes erneut im Lockdown. Die sozialen Folgen der Coronakrise zeigen sich bereits in aller Schärfe: Selbst im wohlhabenden Paris haben nicht mehr alle genug zu essen.

Stefan Brändle aus Paris
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Selbst im wohlhabenden Paris können sich viele keine ausgewogene Ernährung mehr leisten. Suppenküchen helfen aus.

Selbst im wohlhabenden Paris können sich viele keine ausgewogene Ernährung mehr leisten. Suppenküchen helfen aus.

Bild: AFP (13. Oktober 2020)

In einer langen Schlange auf dem Pariser Ile-de-Sein-Platz warten gebeugte Menschen, deren Gesichter unter Kapuzen und Mundschutz kaum auszumachen sind. In der Mitte des Platzes verteilt das Hilfswerk «Restos du Coeur» das Menu des Tages (Suppe, Teigwaren, Banane) an Menschen, die vor der Coronakrise nie gedacht hätten, dass sie ihr Essen einmal nicht mehr bezahlen könnten. Sitzplätze gibt es nicht. «Wegen der Anwohner», erklärt Einsatzleiter Sébastien kurz angebunden. Wer wie hier im 14. Bezirk der Hauptstadt 10'000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche bezahlt, wünscht keine grölenden Clochards vor dem Fenster.

Doch auf dem Platz gibt es keinen Lärm, und um 18 Uhr ist ohnehin Schluss mit der Essensausgabe: Dann beginnt im Grossraum Paris die Ausgangssperre. Ab Freitag um Mitternacht gilt zudem in 16 Regionen der Grande Nation ein vorerst auf vier Wochen beschränkter Lockdown. Neben den Regionen im Norden und entlang der Mittelmeerküste ist auch die Hauptstadt betroffen.

Die «neue Welle» trifft jene, die sich sicher wähnten

Solange sie noch können, decken sich die Armen auf dem Ile-de-Sein-Platz aber weiter mit Nahrungsmitteln ein. Die Krise in der zweitgrössten Volkswirtschaft Europas spitzt sich zu. Laut der Denkfabrik «le Cercle des Économistes» hat die Hälfte der jungen Erwachsenen in Frankreich nicht mehr genug zu Essen. Präsident Macron plant ein Notfallgesetz, das Universitätskantinen im Land verpflichten würde, Menüs für einen Euro bereitzustellen.

Derweil warten die Menschen auf dem Ile-de-Sein-Platz weiter, bis sie an der Reihe sind. Elena zum Beispiel. Die Putzfrau rechnet nüchtern vor, dass die Miete ihres Zimmers in einem Pariser Vorort 630 Euro im Monat betrage, ihr Verdienst aber maximal 800 Euro. «Viele meiner Kunden haben seit der Coronakrise kein Geld mehr für eine Putzfrau», sagt sie.

Versuchte einen neuen Lockdown bis zuletzt zu verhindern: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Versuchte einen neuen Lockdown bis zuletzt zu verhindern: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

AP

Paris, die romantische Lichterstadt, ist ein hartes Pflaster geworden. «Hier im Süden der Hauptstadt wohnen Kleingewerbler, Handwerker, Alleinunternehmer – alles Leute, die von dem Wirtschaftseinbruch hart getroffen werden», erklärt Sébastien. Der Hilfswerk-Vorsteher verweist auf eine bürgerlich gekleidete Frau, die den Platz diskret mit einer vollen Papiertasche verlässt. Sie gehöre zur «neuen Welle», komme seit September regelmässig ihr Essen holen.

Eine Million Franzosen ist in die Armut abgerutscht

Der Vorsteher der Restos du Coeur, Patrice Blanc, spricht von einer «Flutwelle, die langsam steigt». Die Ausgabe bei den Volkssuppen habe in Paris gegenüber dem Vorherbst um 30 Prozent zugenommen. Das deckt sich mit den Zahlen des französischen Hilfswerk-Verbundes, dass in der Coronakrise eine weitere Million Franzosen unter die Armutsgrenze gefallen seien. Damit wäre die Schwelle von zehn Millionen Armen in Frankreich überschritten.

Die Zahl der Arbeitslosen hat 2020 um 260'000 zugenommen. Betroffen sind laut Blanc vor allem Kleinjobber, Teilzeitangestellte und Studenten. Letztere fehlen an der Place de l’Ile-de-Sein nur deshalb, weil die «Restos du Coeur» in der nahen Studentenresidenz Cité Universitaire eine eigene Essausgabe eröffnet haben. «Ein solches Elend habe ich in Paris noch nie erlebt», meint Blanc. «Die Situation ist dramatisch.» Nachdem die erste Coronawelle vor allem ältere und besser gestellte Angestellte getroffen habe, schlage die Rezession nun voll auf die ärmeren Bevölkerungskategorien durch. Ob der neue Lockdown das Leid lindern kann, wird sich zeigen.

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