England
Omikron-Welle verängstigt die Briten – Premier Johnson will «den Leuten nicht ihre Partys vermiesen»

Die Regierung in London ignoriert den Rat der Corona-Wissenschafter.

Sebastian Borger, London
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Der britische Premier Boris Johnson (r) posiert beim Besuch eines Impfzentrums in London für ein Selfie. Die Regierung ruft zum Impfen auf, die Omikron-Variante greift auf der Insel um sich.

Der britische Premier Boris Johnson (r) posiert beim Besuch eines Impfzentrums in London für ein Selfie. Die Regierung ruft zum Impfen auf, die Omikron-Variante greift auf der Insel um sich.

Leon Neal / AP

Die von Premier Boris Johnson vorhergesagte «Omikron-Flutwelle» trifft in Grossbritannien auf eine geschwächte und zunehmend uneinige Regierung. Das konservative Kabinett verweigerte sich am Samstag einem Mini-Lockdown, wie ihn die eigenen Wissenschaftsberater fordern.

Hingegen pocht die Opposition auf mehr Härte im Kampf gegen Covid-19; Londons Bürgermeister Sadiq Khan (Labour) rief sogar den Katastrophenfall aus. Die zunehmend verängstigte Bevölkerung beherzigt längst Vorsichtsmassnahmen: Die Innenstädte sind zunehmend verwaist, Geschäfte, Theater und Restaurants klagen über massiven Umsatzrückgang.

Schätzungen der Epidemiologen zufolge machen Infektionen mit der aus Südafrika stammenden Omikron-Mutation mittlerweile mehr als die Hälfte aller Ansteckungen auf der Insel aus. Diese sind zuletzt um 67 Prozent in die Höhe geschnellt und liegen auf einem Rekordhoch von mehr als 90'000 Fällen täglich. Hingegen gehen die Todeszahlen zurück. Im Wochendurchschnitt starben zuletzt jeden Tag 112 Menschen innerhalb eines Monats nach ihrem positiven Covid-Test.

Studie widerlegt Hoffnung auf harmlose Variante

Gesundheitsminister Sajid Javid bezifferte die Zahl der Spital-Patienten mit Omikron auf England-weit 85; erste Zahlen aus Südafrika nährten die Hoffnung, der Krankheitsverlauf könne milder ausfallen als bei der bisher vorherrschenden Delta-Variante und deshalb weniger Spital-Einweisungen nötig machen.

Eine erste Studie am Londoner Imperial College lässt diesen Schluss allerdings nicht zu, wie Professor Azra Ghani erläuterte. Zudem müsse man angesichts der schieren Anzahl von Covid-Patienten mit «einer grossen Anzahl von Menschen rechnen, die der Pflege im Spital bedürfen». Dieses würde zu täglichen Todeszahlen von mehrere Tausend führen.

Auf dem Höhepunkt der Coronawelle im Januar starben auf der Insel 1820 Menschen täglich an den Folgen ihrer Corona-Infektion. Ghani wies aber auch auf die bisher mangelnde Datensicherheit hin: Seine Studie stelle «einen Hinweis auf die Notwendigkeit raschen Handelns, keine Prognose» dar.

Ähnlich argumentierten am Samstag der Chef-Wissenschaftsberater Patrick Vallance sowie der höchste Gesundheitsbeamte Englands, Christopher Whitty. Angesichts der jüngsten Entwicklung sei ein auf zwei Wochen begrenzter Lockdown («Circuit breaker») notwendig. Das Kabinett verweigerte sich dem Rat. Javid nannte die vorgelegten Zahlen am Sonntag «ernüchternd»; vor einer so weitreichenden Entscheidung müsse die Regierung aber viele andere Faktoren abwägen. Premier Johnson will um jeden Preis weitere Einschränkungen zu Weihnachten vermeiden. Der Regierungschef sagt:

«Wir wollen den Leuten nicht ihre Partys vermiesen.»

Die Einstellung ist nicht nur Johnsons libertärem Instinkt, sondern auch seiner geschwächten Stellung geschuldet. Mehr als 100 Hinterbänkler verweigerten der eigenen Regierung die Zustimmung zu Massnahmen wie dem verpflichtenden Maskentragen in geschlossenen Räumen sowie der 3G-Regelung bei Grossveranstaltungen. Staatsminister David Frost, als Brexit-Chefverhandler bekanntgeworden, legte seinen Posten am Samstag nieder mit der Begründung, er könne diese aus kontinentaleuropäischer Sicht milden Einschränkungen nicht mehr mittragen. «Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben», schrieb der 56-Jährige in seinem Rücktrittsbrief an Johnson.

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