Flüchtlingssturm
Marokkos König rächt sich mit 6000 Migranten an den Spaniern

Die Enklave Ceuta wird überrannt. Die Bucht ist abgeriegelt, in der Luft kreisen Helikopter. Hinter dem Ereignis steckt politisches Kalkül.

Ralph Schulze, Madrid
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Völlig erschöpft kamen die meisten der rund Flüchtlinge gestern am Strand von Ceuta an.

Völlig erschöpft kamen die meisten der rund Flüchtlinge gestern am Strand von Ceuta an.

Bild: AP (18. Mai 2021)

Die meisten kommen schwimmend. Einige sitzen in Gummibooten oder klammern sich an aufgeblasene Reifenschläuche. Manche schaffen es sogar, trockenen Fusses über den Grenzdamm zu klettern, der an der Küste Ceutas Spanien von Marokko trennt. Mehr als 6000 afrikanische Flüchtlinge erreichten bis am Dienstagabend spanischen Boden. Erschöpft liegen einige der Angekommenen im Sand. Andere rennen jubelnd über den Strand und rufen «Viva España» («Es lebe Spanien»).

Die spanische Enklave Ceuta.

Die spanische Enklave Ceuta.

CH Media

«Wir haben hier schon viel gesehen», sagt Isabel Brasero vom Roten Kreuz in Ceuta. «Aber noch nie sind in so kurzer Zeit so viele Menschen gekommen.» Ceutas Bürgermeister Juan Jesús Vivas sagt, die Bevölkerung habe Angst. «Unsere Stadt erlebt eine Invasion.»

Am Strand Tarajal im Süden Ceutas sind Truppentransporter der spanischen Streitkräfte aufgefahren und haben die Bucht abgeriegelt. In der Luft kreisen Helikopter. Die Sicherheitskräfte hindern die Menschen nicht daran, aus dem Wasser zu klettern und europäischen Boden zu erreichen. Aber sie sorgen dafür, dass die Ankommenden nicht in den Gassen der Stadt verschwinden. Eine Lagerhalle und das örtliche Fussballstadion dienen als provisorische Auffanglager.

Eine Helferin des Roten Kreuzes betreut einen völlig erschöpften Mann am Strand von Ceuta.

Eine Helferin des Roten Kreuzes betreut einen völlig erschöpften Mann am Strand von Ceuta.

AP

Die meisten Angekommenen müssen mit sofortiger Abschiebung rechnen. Annähernd 3000 Migranten sind schon Stunden nach ihrer Ankunft wieder nach Marokko abgeschoben worden, nach Berichten von Augenzeugen auch zahlreiche Minderjährige, deren Deportation eigentlich verboten ist.

EU droht Marokko mit Grenzschutztruppen

Der Migrantensturm auf Ceuta begann am frühen Morgen. Wie auf ein geheimes Signal verschwanden die marokkanischen Polizisten, die üblicherweise die Schutzdämme an der Wassergrenze bewachen. «Die Grenze nach Ceuta ist auf», konnte man in Marokkos sozialen Netzwerken lesen. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Aus den umliegenden Städten zogen Karawanen von Marokkanern zu den Sperrdämmen.

Tausende versammelten sich am Grenzzaun der spanischen Enklave Ceuta, rund 6000 Menschen gelang es bis am Dienstagabend, die Enklave zu stürmen.

Tausende versammelten sich am Grenzzaun der spanischen Enklave Ceuta, rund 6000 Menschen gelang es bis am Dienstagabend, die Enklave zu stürmen.

EPA

Der Rückzug der marokkanischen Grenzer war kein Zufall: Marokkos König Mohammed VI benutzt die Migrationspolitik regelmässig, um Druck auf Spanien und Europa auszuüben. Je nach politischer Wetterlage lässt er die Kontrollen an seinen Küsten lockern oder verstärken.

Dieses Mal störte sich Mohammed VI offenbar daran, dass Spanien dem Chef der Polisario-Befreiungsbewegung, Marokkos Staatsfeind Nummer eins, eine Krankenhausbehandlung im spanischen Logroño ermöglichte. Das sei eine «Kriegserklärung», sagten marokkanische Diplomaten. Die Polisario kämpft für die Unabhängigkeit der von Marokko besetzten Westsahara.

Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez reiste gestern selbst nach Ceuta und kündigte an, dass er die Sicherheitskräfte in der spanischen Enklave verstärken werde. Auch die EU sagte Unterstützung zu: «Spanische Grenzen sind europäische Grenzen», erklärte EU-Innenkommissarin Ylva Johansson. Marokko müsse seine Pflicht erfüllen und die Grenzen kontrollieren. Wenn dies nicht geschehe, werde man die europäische Grenzschutzeinheit Frontex nach Ceuta schicken.

Der Sturm auf Ceuta kommt gut eine Woche, nachdem auf der italienischen Insel Lampedusa binnen 24 Stunden mehr als 2000 Bootsflüchtlinge aus Afrika eintrafen. Am Montag meldete die Rettungsorganisation Sea-Eye zudem, dass sie mit ihrem Hilfsschiff rund 400 Bootsmigranten im Mittelmeer aufgefangen habe. Laut der UNO haben alleine in diesem Jahr bereits 550 Menschen ihr Leben verloren beim Versuch, mit Flüchtlingsbooten von Afrika nach Europa überzusetzen.

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