Toter Flüchtlingsbub
Fotografin: «Mir gefror das Blut in den Adern»

Das Bild des toten Flüchtlingsjungen ist erschütternd. Gemacht hat es die türkische Fotografin Nilüfer Demir. Was hat sie dazu bewegt, ein solches Bild zu machen?

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«Die fortgespülte Menschlichkeit» – ein Foto erschüttert Europa
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Flüchtlinge in Bodrum
Flüchtlinge in Bodrum

«Die fortgespülte Menschlichkeit» – ein Foto erschüttert Europa

Keystone

Was in diesem Moment in ihr vor sich ging, als sie das tote Kind am Strand von Bodrum sah, schilderte Nilüfer Demir der Nachrichtenagentur DHA: «Als ich den dreijährigen Aylan Kurdi gesehen habe, gefror mir wirklich das Blut in den Adern. In dem Moment war nichts mehr zu machen. Er lag mit seinem roten T-Shirt und seinen blauen Shorts, halb bis zum Bauch hochgerutscht, leblos am Boden», so die Fotografin.

Sie habe nichts mehr für ihn tun können. «Das einzige, was ich tun konnte, war, seinem Schrei - dem Schrei seines am Boden liegenden Körpers - Gehör zu verschaffen. Ich dachte, das könnte ich nur schaffen, indem ich den Abzug betätigte. Und in diesem Moment habe ich das Foto geschossen.»

Danach sei sie zum Bruder des kleinen Jungen gegangen, der Hundert Meter weiter ebenfalls tot am Boden lag. «Bei keinem von beiden, auch nicht bei der 150 Meter weiter von Galip entfernt liegenden (Mutter) Rehan konnte man Schwimmwesten, Schwimmflügel oder etwas, was sie über Wasser hätte halten können, vorfinden.»

Erinnerung an das «Napalm-Mädchen»

Das Foto des toten Buben, angespült am türkischen Strand, könnte zum Symbolfoto für die aktuelle Flüchtlingskrise werden. Und es könnte in seiner Wirkung auf Betrachter und Politik ebenso Folgen haben wie das berühmte Foto des "Napalm-Mädchens" aus dem Vietnamkrieg.

Kim Phuc ergriff am 8. Juni 1972 nackt und schreiend die Flucht vor einem US-amerikanischen Bombenangriff, die Haut verbrannt von Napalm, als sie der US-Fotograf Nick Ut fotografierte. Bereits am folgenden Tag erschien das Bild auf der Titelseite der "New York Times".

Die neunjährige Kim Phuc ergriff am 8. Juni 1972 nackt und schreiend die Flucht vor einem US-amerikanischen Bombenangriff. (Archiv)

Die neunjährige Kim Phuc ergriff am 8. Juni 1972 nackt und schreiend die Flucht vor einem US-amerikanischen Bombenangriff. (Archiv)

/AP/NICK UT

Der Einfluss auf die Stimmung in der US-Gesellschaft war immens: "Ich glaube, dass diese Fotos einen enormen Beitrag dazu leisteten, den Krieg in Vietnam zu beenden", hatte der vietnamesische Staatspräsident Truong Tan Sang zuletzt im Juni bei der Eröffnung einer Foto-Ausstellung gesagt.

Der Fotograf Nick Ut erhielt für "Napalm Girl" 1973 einen Pulitzer-Preis und wurde in Vietnam zur Berühmtheit. (sda/cze)

30 Millionen Kinder auf der Flucht

Das Foto des toten kleinen Flüchtlingsjungen an einem türkischen Strand sorgt weltweit für Bestürzung. Aber so schlimm das ist: Ein Einzelfall ist das keineswegs. Genaue Zahlen, wie viele Kinder in jüngster Zeit auf der Flucht ums Leben gekommen sind, hat niemand. Was sich aber sagen lässt: Es waren viel zu viel. Nach Angaben des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF ist von den weltweit 60 Millionen Menschen, die irgendwo auf der Flucht sind, jeder zweite unter 18 Jahre alt. Auch von den mehr als vier Millionen syrischen Flüchtlingen ist demnach etwa die Hälfte ein Jugendlicher oder ein Kind. Die meisten sind mit ihren Eltern unterwegs, oder zumindest einem der beiden. Manche flüchten aber auch allein. Aktuell leben nach UNO-Angaben etwa 230 Millionen Kinder in Ländern und Regionen mit bewaffneten Konflikten. In Syrien wurden vergangenes Jahr Hunderte Kinder getötet. Während des Kriegs im Gazastreifen starben nach offiziellen Zahlen 538 Kinder. Im Südsudan gab es 2014 mehr als 600 Tote unter 18 Jahren. Besonders schlimm ist die Lage derzeit auch im Irak, im Jemen und in der Zentralafrikanischen Republik.