GB News
Grossbritannien kriegt seinen «Fox News»-Verschnitt – und Boris Johnson ist begeistert

Der Sender «GB News» will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk BBC zunichtemachen. Der Auftakt ist geglückt.

Sebastian Borger, London
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Andrew Neil will Grossbritanniens Medienlandschaft aufwühlen – mit 72.

Andrew Neil will Grossbritanniens Medienlandschaft aufwühlen – mit 72.

AP

Wer in Grossbritannien den Fernsehkanal 236 einschaltet, sieht derzeit wenig und hört noch weniger. Auf dem Bildschirm erscheint eine düstere Schrankwand mit Büromobiliar, dazu ein künstlich aussehender Blumenstrauss. Im Vordergrund dieses Zimmers sitzt immer mindestens ein Mensch und spricht in die Kamera, wobei Bild und Ton nur selten ganz übereinstimmen. Wer verstehen will, was die Damen und Herren zu sagen haben, muss das Volumen kräftig aufdrehen.

Willkommen beim Nachrichtensender GB News, mit dem rechte Investoren den als viel zu links empfundenen öffentlich-rechtlichen Sender BBC (einer Art britisches SRF) Konkurrenz machen wollen. Mehr als 76 Millionen Franken haben die konservativen Sponsoren in ihr neues Steckenpferd gesteckt.

«Wir sind stolz darauf, Briten zu sein», teilte der 72-jährige Andrew Neil bei Sendebeginn vor Wochenfrist den Zuschauern mit:

«Wir wollen all jenen eine Stimme geben, die in unseren nationalen Debatten nicht mehr zu Wort kommen. Wir bringen die Geschichten, die andere verschweigen.»

Der 72-jährige Neil gehört zu den legendären Medienfiguren auf der Insel: Für den US-aus­tralischen Medienzaren Rupert Murdoch machte der schottische Workaholic in den 1980er-Jahren die «Sunday Times» zum Bestseller und hob später Sky Television aus der Taufe, das sich jahrzehntelang als lukrative Einnahmequelle für Murdoch erwies. Für die BBC leitete der TV-Veteran später mehr als ein Jahrzehnt lang eine dezidiert politische Talkshow. Seine Interviews mit den Spitzenkandidaten der grossen Parteien im Wahlkampf flössten Boris Johnson 2019 so grossen Respekt ein, dass der Premierminister seine bereits gegebene Zusage wieder zurückzog.

Rauchende Studiogäste, prominente Interviews

Wie das anti-elitäre Berichten von Neils Truppe in Zukunft aussehen wird, zeigten die ersten Sendestunden. GB News versuchte, das Publikum mit etwas albernen Gags zu beeindrucken. Da durfte ein angetrunkener Kolumnist vor der Kamera rauchen und der Society-Kommentator erklärte die Lockdown-Strategie der britischen Regierung mit unwissenschaftlichen Theorien als gescheitert.

Die Reaktionen auf den britischen «Fox News»-Verschnitt fielen sehr unterschiedlich aus. Der linksliberale «Guardian» sagte dem Sender den Tod binnen eines Jahres voraus. Die konservative «Mail» spottete, die Programme würden «wohl mit einer Mobiltelefon-Kamera gefilmt».

Begeistert scheint man hingegen in der Downing Street zu sein, wo Boris Johnsons engste Berater einen Feldzug gegen die BBC geführt hatten, ehe die Coronapandemie die hastige Rückkehr der Minister zu dem weltberühmten Sender erzwangen, den die Briten für ihre vertrauenswürdigste Nachrichtenquelle halten. Für «GB News» standen schon in den ersten Sendetagen Finanzminister Rishi Sunak, Innenministerin Priti Patel und andere Tory-Prominenz zu exklusiven Interviews zur Verfügung. Die Einschaltquoten waren entsprechend: Zum Auftakt habe man «deutlich mehr Zuschauer» gehabt als die Konkurrenz von BBC News, freute sich Andrew Neil.

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