Grossfeuer
Parlament in Kapstadt in Flammen: Ein Anschlag auf Südafrikas Demokratie?

Aus dem Herzen Kapstadts erhob sich am Sonntag eine dicke Rauchsäule: Das Parlament stand in Flammen. Am Montagabend loderte das Feuer erneut auf. Ein Verdächtiger wurde inzwischen verhaftet.

Markus Schönherr, Pretoria
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Eine Rauchsäule über Südafrikas Parlament: Die Feuerwehr kämpft seit Sonntag gegen den Brand auf dem Dach des Gebäudes in Kapstadt.

Eine Rauchsäule über Südafrikas Parlament: Die Feuerwehr kämpft seit Sonntag gegen den Brand auf dem Dach des Gebäudes in Kapstadt.

Nardus Engelbrecht / AP

Verzweifelt kämpften mehr als 70 Feuerwehrleute gegen den Brand in Südafrikas Parlament. Am Montagabend flammte er erneut auf und hat «das gesamte Dach der Nationalverdammlung» eingenommen, bestätigte der Parlamentssprecher Moloto Mothapo. Für viele Südafrikaner trägt das Inferno im historischen Zentrum des Landes Symbolkraft: ihr Nationalstolz, die Demokratie, steht in Flammen.

Der Brand begann laut Behörden in den frühen Sonntagmorgenstunden. Vom historischen Sitzungssaal, in den 1880ern errichtet, breiteten sich die Flammen auf andere Gebäude im Parlamentskomplex aus. Während das Dach des alten Parlaments einbrach, wurde auch der heutige Saal der Nationalversammlung schwer beschädigt. Den Einsatzkräften ist es gelungen, eine Ausbreitung der Flammen auf das benachbarte Tuynhuys zu verhindern: Die Residenz des südafrikanischen Präsidenten in Kapstadt wurde vor mehr als 300 Jahren von den Holländern erbaut.

«Das Feuer hat den Parlamentskomplex und dessen Habe verwüstet, darunter die historischen Erbschätze des Parlaments»,

sagte Präsident Cyril Ramaphosa. Berichten zufolge lagerten in dem zerstörten Gebäude eine Kollektion seltener Bücher sowie das Originalmanuskript von Südafrikas früherer Nationalhymne «Die Stem van Suid-Afrika». Ramaphosa war an den Schauplatz geeilt, nachdem er in Kapstadt am Tag zuvor die Grabrede für den verstorbenen Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu gehalten hatte.

Luftaufnahme des brennenden Parlaments vom Montag.

Luftaufnahme des brennenden Parlaments vom Montag.

Bruce Sutherland / AP

Die Asche des anglikanischen Anti-Apartheid-Aktivisten wurde in der St. George’s-Kathedrale beigesetzt, während sich bloss 100 Meter weiter der Brand im Parlament ausbreitete. «Der Erzbischof wäre am Boden zerstört gewesen, denn das ist der Ort, für den er betete, den er unterstütze und als Verwahrungsort unserer Demokratie sehen wollte», so Ramaphosa.

Südafrikaner verlangen Antworten

Am Tag nach der Katastrophe verlangten die Südafrikaner Antworten. «War es Brandstiftung, Inkompetenz, Fahrlässigkeit oder einfach eine Metapher für jahrelange Vernachlässigung der Regierung?», schreibt die Tageszeitung «The Citizen».

Südafrikas Präsdient Cyril Ramaphosa (Mitte) äussert sich vor den Medien zum Parlamentsbrand.

Südafrikas Präsdient Cyril Ramaphosa (Mitte) äussert sich vor den Medien zum Parlamentsbrand.

Tsvangirayi Mukwazhi) / AP

Am Sonntag wurde ein Tatverdächtiger festgenommen. Der 49-Jährige soll sich durch ein Fenster an der Rückseite des Parlaments Zugang verschafft haben und noch im Gebäude aufgegriffen worden sein. «Er ist jetzt offiziell tatverdächtig und erscheint am Dienstag vor Gericht», so Nomthandazo Mbambo, Sprecherin der Polizeisondereinheit Hawks. Einige aufgebrachte Südafrikaner forderten, den Mann, zusätzlich zu Einbruch, Diebstahl und Brandstiftung, wegen «Hochverrats» anzuklagen.

«Es wäre ein schwarzer Tag für Südafrika, wenn jemand die Idee, geschweige denn die Absicht hat, eine solche Institution anzugreifen», sagte Parlamentspräsidentin Nosiviwe Mapisa-Nqakula. Dies käme einem «Angriff auf die Demokratie» und «alles, wofür Südafrikaner gekämpft haben» gleich.

Parlament war wohl unbewacht

Auch die im Parlament vertretenen Parteien reagierten empört. «Als Opposition haben wir wichtige Dokumente in unseren Büros», sagt Willie Madisha von der Partei COPE. Durch den Brand werde es «schwierig», eine «korrupte Regierung» in naher Zukunft zur Verantwortung zu ziehen. Unter anderem sollte im Parlament bald ein Untersuchungsbericht präsentiert werden, der die Korruptionsskandale rund um Ex-Präsident Jacob Zuma beleuchtet. Die Verantwortlichen versicherten den Südafrikanern, dass die Nationalversammlung weiterhin Sitzungen abhalten werde.

Ärger herrschte am Montag vor allem über die Tatsache, dass das Parlament zum Zeitpunkt des Einbruchs offenbar unbewacht war. Während Polizisten die Mauern bewachten, hätten die Zuständigen die Wachen vom Inneren des Gebäudes über die Feiertage abgezogen, behaupten Vertreter der Gewerkschaft NEHAWU. Schon länger hätten sie gewarnt, dass ihre Mitglieder, Abgeordnete und Dokumente «im Parlament nicht sicher» seien. Der Parlamentssprecher Moloto Mothapo wies die Vorwürfe als «unverantwortliche» Spekulation zurück. Nichtsdestotrotz herrscht Wut am Kap. Ein aufgebrachter Südafrikaner meinte:

«Der Präsident, Minister und Bürgermeister werden 24 Stunden am Tag auf Steuerkosten bewacht. Aber sie konnten keine Sicherheit für das Parlament gewährleisten.»

Bereits im März hatte es im Parlament nach einem elektrischen Kurzschluss kurzzeitig gebrannt. Ob daraus Lehren gezogen wurden, ist nun Gegenstand einer Untersuchung - ebenso wie die Spekulation, dass die Löschanlage des Parlaments absichtlich manipuliert wurde. Für den Politologen Daniel Silke steht jedenfalls fest: «Ob Baumängel, schlechte Instandhaltung oder böse Absichten die Ursache waren, das Feuer im Kapstädter Parlament steht symbolisch für die grosse Sorge um moralische und stabile Regierungsführung.»

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