Wikileaks
Interpols Jagd nach einem geplatzten Kondom

Die Politologin Anna Ardin bezichtigt Julien Assange der Vergewaltigung. Derweil steht die Interpoljagd nach Julian Assange kurz vor dem Abschluss.

Christian Nünlist
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Die Politologin Anna Ardin lud Julian Assange nach Stockholm ein. (ho)

Die Politologin Anna Ardin lud Julian Assange nach Stockholm ein. (ho)

Aufgebrachte Amerikaner fordern gar die Todesstrafe für Assange. Soweit wird es aber nicht kommen. Assange kann konsularische Hilfe seines Heimatlandes in Anspruch nehmen, wie der australische Justizminister Robert McClelland gestern in Sydney mitteilte. Offenbar erwägt Assange auch einen Asylantrag in der Schweiz.

Doch weshalb genau sucht Interpol den 39-jährigen Chef-Enthüller? In den Medien ist weltweit von «Vergewaltigung» und «sexueller Belästigung» die Rede. Doch Aussagen der beiden schwedischen Frauen, auf denen die Interpol-Fahndung letztlich beruht, erzählen eine ganz andere Geschichte. Die polizeilichen Aussagen wurden Ende August der britischen «Mail on Sunday» zugespielt und von der Zeitung in Auszügen publiziert. Nach der Interpol-Fahndung lohnt sich eine zweite Lektüre der Polizeiprotokolle.

Freitag, der Dreizehnte

Assanges Unheil nahm demnach seinen Lauf an einem Freitagabend, dem Dreizehnten. Zwei Tage zuvor war Mr. Wikileaks nach Stockholm geflogen. Am 14. August sollte er an einer Veranstaltung von sozialdemokratischen Christen sprechen. Generalsekretärin Anna Ardin (31) organisierte den Anlass. Sie offerierte Assange, ein paar Tage in ihrem Einzimmerapartment in Sodermalm, Stockholm, zu übernachten.

Sie selbst würde ihre Familie besuchen und erst am Samstag nach Stockholm kommen. Doch die Organisation gab mehr zu tun, sodass Ardin bereits am Freitag nach Stockholm zurückmusste. Im Polizeibericht steht dazu ihre Aussage: «Nach kurzer Diskussion entschieden wir, dass es okay wäre, die Wohnung zu teilen.»

Sie traf Assange zum Abendessen in einem Restaurant. «Als wir zurückkamen, hatten wir Sex miteinander. Doch es gab ein Problem mit dem Kondom – es war gerissen.» Sie glaubte, Assange habe das Kondom absichtlich kaputt gemacht. «Assange beharrte darauf, dass es ein Unfall war.»

Nach dem Vorfall mit dem geplatzten Kondom liess sich Anna Ardin aber nicht aus der Ruhe bringen. Sie begleitete Assange am nächsten Tag an dessen Vortrag über «Die Wahrheit ist das erste Kriegsopfer». Dort lernte Assange die Fotografin Sofia Wilèn (26) kennen.

In ihrer polizeilichen Aussage gab Wilèn zu, Assange habe sie von TV-Interviews eher im Zuge der Afghanistan-Enthüllungen rund zwei Wochen vor dem Stockholmer Vortrag total fasziniert. Sie war – in ihren eigenen Worten – gar «besessen» von ihm. Sie las alles, was sie im Internet über Assange finden konnte, und bot den Organisatoren des Anlasses in Stockholm an, freiwillig zu helfen.

Assanges Aufmerksamkeit sicherte sie sich am 14. August in einem pinken Kaschmir-Kleidchen und dank einem Platz in der ersten Reihe. Der «Rockstar» Assange lud sein «Groupie» Sofia Wilèn nach dem Vortrag zum Zmittag ins Bistro Bohème ein. Die Gruppe war zu fünft, Wilèn war die einzige Frau. Ganz Computer-Nerd, fragte Assange Wilèn plump, wo er seinen Laptop aufladen könne. Wilèn half noch so gerne. Die beiden gingen zudem in ein Kino. Doch Assange interessierte sich mehr für seine Begleitung als für den Film «Deep Sea». Die zwei verzogen sich in die hinterste Reihe und gingen zur Sache.

Mehr am Computer interessiert

Assange meldete sich danach erneut bei Wilèn und verbrachte die Nacht auf Dienstag bei ihr zu Hause, rund 80 Kilometer ausserhalb von Stockholm. Im Zug surfte Assange 45 Minuten lang im Internet. «Er war mehr am Computer interessiert als an mir», gab eine enttäuschte Wilèn später zu Protokoll.

Nebst vielen Schwärzungen steht dort ihre Aussage: «Der Sex war langweilig und alltäglich.» Laut der «Mail on Sunday» insistierte Wilèn auf ein Kondom, doch am nächsten Morgen hatte Assange unverhüteten Sex mit ihr. Danach besorgte sie Frühstück und bezahlte Assanges Zugbillett zurück nach Stockholm. Sie gingen ohne Streit auseinander.

Beide Frauen prahlen über Twitter mit ihrer berühmten Eroberung. Erst später fanden sie zufällig heraus, dass sie beide Assanges Charme erlegen waren. Wilèn hatte Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft oder einer HIV-Ansteckung. Am 20. August gehen die Frauen zur Polizei.

Streit um ein Kondom

Die Polizeiprotokolle machen klar: Es gab keine Vergewaltigung, es gab keine Belästigung – der Sex passierte freiwillig, im gegenseitigen Einverständnis. Es gab aber Streit um ein Kondom. Und laut schwedischem Gesetz kann «Sex ohne Kondom» bestraft werden. Ein Fall für Interpol!

Stockholms Staatsanwaltschaft ist übrigens selbst unter Beschuss: Gegen sie wurde eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht, weil sie Assanges Namen an die Medien weitergab.

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