Paris
Marine Le Pen will auch «Charlie» sein

Die Politik debattiert, ob der rechtsnationale Front National an morgige Kundgebung für die ermordeten «Charlie»-Zeichner teilnehmen darf.

Stefan Brändle, Paris
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Marine Le Pen, Präsidentin des rechtsnationalen Front National. (Archiv)

Marine Le Pen, Präsidentin des rechtsnationalen Front National. (Archiv)

Keystone

Marine Le Pen an einer Demo für linke Spontis und Satiriker, einen Badge «Je suis Charlie» an der Brust? Das entrüstet nicht nur die engere Trauergemeinde der zwölf Terroropfer. «Die Anwesenheit des Front National inmitten der republikanischen Kräfte ist nicht erwünscht», sagt der Vorsteher der Mitte-Partei UDI, Jean-Christoph Lagarde, und resümiert damit eine verbreitete Haltung.

Die Frage der FN-Beteiligung an der grossen «Charlie»-Kundgebung in Paris ist alles andere als nebensächlich. Sie überschattet mehr als nur die Demonstration und zeigt das ganze Dilemma der etablierten Politik: Hat der Front National Anspruch auf eine gebührende Medienpräsenz, und vor allem auf eine seiner Stimmenkraft angemessene Vertretung in der Nationalversammlung? Heute besetzen die Frontisten dort lediglich 2 von 577 Abgeordneten, obwohl sie seit den Europawahlen vom Mai 2014 die stärkste Partei Frankreichs sind.

Schmuddelecke oder nicht?

Auch diese demokratische Arithmetik ist aber nicht alles: Es geht um die Frage, ob der FN sich zur republikanischen Solidarität gesellen darf, die sich nach den schrecklichen Attentaten in Frankreich abzeichnet – oder ob er im Gegenteil bei jenen anzusiedeln ist, die in die Glut blasen und Extremreaktionen provozieren. Politischer gefragt: Ist der Front National eine Partei wie alle anderen – oder gehört er in die «braune» Schmuddelecke?

Namhafte Sozialisten, Grüne und Kommunisten erklären, sie würden nicht neben Le Pen demonstrieren. Die konservative UMP von Nicolas Sarkozy kritisiert hingegen, dass die Linksregierung alle anderen Parteien, nicht aber Le Pen einladen wolle. Einzelne Vertreter des Parti Socialiste (PS) warnen vor einer politischen Falle: Die Lepenisten warteten demnach nur darauf, von dem Umzug ausgeschlossen zu werden, um sich einmal mehr in die Märtyrerrolle zu begeben und die klammheimliche Übereinstimmung von «UMPS» (UMP und PS) zu brandmarken.

Le Pen bedauerte erstaunlich rasch, von der Demo ausgeschlossen zu sein. Dass sie eine linke Anarcho-Gruppe wie «Charlie Hebdo» unterstützt, hält sie für möglich: Man könne sehr gut den Kurs einer Zeitschrift missbilligen und sich trotzdem für die Meinungsäusserungsfreiheit einsetzen, meint sie.

Präsident François Hollande wird sich der Gefahr, das FN-Spiel zu spielen, indem er Le Pen ausgrenzt, langsam bewusst. Er lud Le Pen gestern Freitag wie alle anderen Parteichefs zu Gesprächen ins Élysée ein.

Republikanische Werte neu entdeckt – Kommentar von Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle

Natürlich der Front National. Das ist die naheliegende Antwort auf die Frage, wer von den Anschlägen auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion profitieren wird. FN-Chefin Marine Le Pen reagierte wie immer als eine der Ersten und verlangte einmal mehr die Einführung der Todesstrafe sowie eine Immigrationsbremse. Griffige Forderungen, die der Angst und Bestürzung vieler aufgeschreckter Bürger im ersten Moment aus der Seele sprachen.

Noch ist aber nicht aller Tage Abend. Frankreich erlebt dramatische Stunden. Zugleich geht aber auch eine Grundwelle der Solidarität durch die alte Nation, die durchaus positive Folgen haben kann. Fast scheint es, als machten sich die Franzosen auf, den tieferen Sinn ihrer republikanischen Werte «Liberté, Égalité, Fraternité» neu zu erfinden: Die an den Demos hoch gehaltenen Kugelschreiber und Bleistifte geben dem vielleicht französischsten aller Gefühle, dem der Freiheit, neuen Ausdruck. Moslems, Christen und Juden entdecken ihre Gleichheit vor dem Horror eiskalter Killer. Und das spontane Zusammenstehen von 100 000 Franzosen zeugt von einer Brüderlichkeit, die in den letzten Jahren verloren schien.

Liberté, Égalité, Fraternité aber sind pure Antithesen zum Front National. Wenn die Franzosen wieder am gleichen Strick ziehen, wird Marine Le Pen nie Staatspräsidentin.