Ägypten
«Meine Spieler mussten ihre Häuser bewachen»

Der Trainer des ägyptischen Fussballclubs Al Masry, der Schweizer Alain Geiger, ist vorläufig in die Schweiz zurückgekehrt.

markus Brütsch
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Fussballtrainer Alain Geiger

Fussballtrainer Alain Geiger

Als Alain Geiger an Heiligabend sein erstes Spiel als Trainer von Al Masry bestritt und 1:0 gewann, war er glücklich. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er das Land bald fluchtartig verlassen würde. Er war aus der durch Gewaltakte gebeutelten Berberregion Kabylei in Algerien gekommen und glaubte, Ägypten sei das stabilste Land Nordafrikas.

Den Weg an den Suezkanal hatte ihm der Erfolg mit der JS Kabylie geebnet, die er sensationell in den Halbfinal der afrikanischen Champions League geführt hatte. «Seither bin ich in ganz Afrika bekannt», sagt Geiger. Kamel Abu Ali, der ägyptisch-schweizerische Doppelbürger und Präsident von Al Masry, schaffte es, Geiger nach Port Said zu locken. Seine Trümpfe: Doppeltes Gehalt, sportliche Perspektiven, eine prächtige Hafenstadt und Sicherheit im Land.

Alain Geiger, Sie sind am Dienstag fluchtartig in die Schweiz zurückgekehrt. Ist Ihr Engagement in Ägypten schon zu Ende?

Alain Geiger: Nein, natürlich nicht. Als aber im Training nur sechs Spieler auf dem Platz standen, habe ich zum Präsidenten gesagt, dass es auf diese Art keinen Sinn mache und ich für eine Woche in die Schweiz gehe.

Wo waren die anderen Spieler geblieben? Machten Sie bei den Demonstrationen mit?

Nein, nein. Das Problem war, dass viele meiner Spieler in Kairo leben. Zum einen war es für sie wegen der Strassensperren kaum mehr möglich, mit dem Auto nach Port Said durchzukommen. Zum andern wollten sie ihr Zuhause aus Angst vor Plünderungen auf keinen Fall verlassen. Sie mussten ihre Häuser bewachen.

Sie selber wohnen in einem Hotel in Port Said. Hatten Sie Angst?

Nicht unbedingt, die Leute vom Verein haben mich beruhigt. Die Demonstranten griffen hier ja vor allem die Polizeistationen an.

Sind eigentlich alle Leute, mit denen Sie zu tun haben, gegen Präsident Mubarak?

Nein, es gibt schon welche, die sagen, Mubarak habe auch Gutes für Ägypten getan. Doch viele sind nach dreissig Jahren des Präsidenten überdrüssig und wollen mehr Demokratie. Aber dies ist ja auch in Tunesien und Jordanien der Fall.

Wie war die Lage in der Stadt?

Während drei Tagen waren in Port Said keine Polizisten mehr zu sehen, und auch das Militär war nicht präsent. So haben sich die Menschen zusammengetan, um ihr Hab und Gut als Bürgerwehr vor Dieben zu verteidigen. Ich habe beobachtet, wie der Besitzer eines Lederwarengeschäfts aus Angst vor Plünderungen die gesamte Ware aus seinem Laden geräumt, in Fahrzeuge verfrachtet und weggebracht hat. Alle Restaurants und Geschäfte haben dichtgemacht.

Wie schwierig war es, von Port Said nach Genf zu kommen?

Mit der Hilfe von zwei vom Verein abgestellten Bodyguards fuhr ich mit dem Auto nach Kairo. Statt wie gewöhnlich zwei Stunden brauchten wir sieben Stunden. Überall gab es Kontrollen und Strassen waren gesperrt. Am Flughafen war es dann besonders chaotisch, weil es kein Check-in gab und die Leute nach dem Aufruf ihres Fluges mit Sack und Pack zu ihrem Gate rannten. Mit ein paar Stunden Verspätung bin ich dann nachts um eins in Genf angekommen. Der Rückflug ist für Samstag vorgesehen ...