Ukraine-Krieg
Eva's Kriegstagebuch (17): «Ohne ihre Bibel wäre Sveta jetzt tot»

Eva Samoylenko-Niederer schreibt über grosse Not, kleine Wunder und die wundersame Geschichte von Sveta's Bibel.

Eva Samoylenko-Niederer
Drucken

Die Wädenswilerin Eva Samoylenko-Niederer hat bis zum Kriegsausbruch im Donbass das Kinderheim «Segel der Hoffnung» betrieben. Sie ist mit ihrer Familie in die West-Ukraine geflohen und schreibt regelmässig über ihren Kriegs-Alltag.

Eine alte, zurückgelassene Frau wird aus dem Kriegsgebiet evakuiert.

Eine alte, zurückgelassene Frau wird aus dem Kriegsgebiet evakuiert.

ZVG

Immer wieder höre ich Geschichten, die mir klarmachen, wie real der Krieg ist. Zum Beispiel diese Geschichte, die mir unser Helfer Evgenyj über eine Frau erzählt hat, die er im Donbass getroffen hatte: «Bleibt nicht in eurem Haus, lasst euch jetzt evakuieren», sagte Evgenyj der Frau.

«Noch nicht! Unsere Ziege ist schwanger», antwortete die Frau. «Wir haben einen tiefen Keller und wir haben dort genügend Lebensmittelvorräte. Mach dir keine Sorgen um uns. Bring uns lieber das nächste Mal frisches Brot mit.» Also kehrte Evgenyj einige Tage später zurück, um Brot zu bringen. Aber da gab es weder ein Haus noch einen Stall mit einer trächtigen Ziege noch einen Keller mehr.

Und es gab auch niemanden mehr, der das Brot essen konnte. Alles war kaputtgebombt.

Jeder Tag, jede Reise unserer Helferteams ist ein Spiel mit dem Tod. Zwischen Artillerieangriffen erreichen wir Städte und Dörfer, um älteren, bettlägerigen und starrköpfigen Menschen eine letzte Chance zur Flucht zu geben. Unsere Freiwilligen steigen täglich in Luftschutzkeller und durchsuchen Häuser nach zurückgelassenen Menschen, die sie dann buchstäblich aus dem Haus und in Sicherheit schleppen.

In den Evakuationsfahrzeugen werden die Sitze häufig doppelt besetzt.

In den Evakuationsfahrzeugen werden die Sitze häufig doppelt besetzt.

ZVG

Seit Anfang des Krieges haben unsere Teams mehr als 15'000 Menschen aus dem akuten Kriegsgebiet evakuiert. Ausserdem konnten wir mehrere hundert Tonnen Hilfsgüter an verzweifelte Menschen verteilen.

Doch unsere Bemühungen werden von Tag zu Tag schwieriger. Die Bewohner im Donbass werden wegen der extremen Benzinknappheit dringend gebeten, die Nutzung ihrer Autos einzuschränken, damit genügend Benzin für die Armee da ist. Die Warteschlangen an den Tankstellen sind so lang, dass man Geld (bis zu 30 Franken) damit verdienen kann, für andere Menschen in der Schlange zu stehen.

Eva Samoylenko-Niederer in ihrer Heimatstadt Slowjansk Mitte Februar 2022.

Eva Samoylenko-Niederer in ihrer Heimatstadt Slowjansk Mitte Februar 2022.

Samuel Schumacher

Noch viel schlimmer ist jedoch, dass die russische Armee gezielt begann, die Strasse Lisichansk–Bakhmut zu beschiessen, die die Bewohner der Gegend nach Kriegsausbruch «Strasse des Lebens» getauft hatten. Die Strasse war die letzte noch befahrbare Verbindung zwischen der östlichen Front und der Zentralukraine. Es ist die Strasse, welche auch unsere Teams täglich benutzen.

Der verbitterte Kampf um den Osten der Ukraine geht weiter. Meine Heimatstadt Slowjansk wurde in den letzten Tagen gleich mehrmals aus der Luft angegriffen. Eine Bombe schlug weniger als einen Kilometer von unserer Kirchgemeinde ein und beschädigte eine Berufsschule. Zum Glück gab es keine schweren Verletzungen. Als Folge der Luftangriffe brennt nördlich der Stadt grossflächig der Wald.

Der Rauch in der Stadt ist so dicht, dass den Einwohnern empfohlen wird, das Haus nicht zu verlassen.

Und trotzdem gibt es noch immer Dinge in diesem Krieg, die mir Hoffnung machen. Zum Beispiel die Geschichte von Sveta aus der Stadt Solote direkt an der alten Demarkationslinie im Donbass. Als der russische Grossangriff auf die Ukraine begann, beschloss Sveta, zu bleiben, zu beten und weiter den Menschen zu dienen, wie sie es schon seit Jahren tut. Am Sonntagmorgen, dem 17. April, schien es ruhig zu sein und Sveta beschloss, in die Kirche zu gehen.

Sveta's Bibel hat ihr das Leben gerettet.

Sveta's Bibel hat ihr das Leben gerettet.

ZVG

Doch als sie auf dem Heimweg war, begann unerwartet ein Artillerieangriff. Eine Granate schlug nur einen Meter neben Sveta ein. Ein Mann, der bei ihr war, wurde auf der Stelle getötet, und Sveta wurde von der Druckwelle zur Seite geschleudert. Granatsplitter bohrten sich in ihren Oberschenkel und in ihr Bein. Der Splitter aber, der tödlich gewesen wäre, weil er ihr Herz getroffen hätte, traf stattdessen ihre Bibel, an der sie sich festgeklammert hatte. Die Bibel rettete ihr Leben.

Sveta auf einer Aufnahme aus friedlichen Zeiten.

Sveta auf einer Aufnahme aus friedlichen Zeiten.

ZVG

Spenden: Alle Möglichkeiten, für den Verein «Segel der Hoffnung» zu spenden, finden Sie hier: tinyurl.com/sailsofhope

Aktuelle Nachrichten