Brasilien: Opfer von sexuellem Missbrauch brechen ihr Schweigen

Gegen den vermeintlichen Wunderheiler João Teixeira de Faria haben über 500 Frauen Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs erhoben. Erst eine Ausländerin hat den Fall ins Rollen gebracht.

Martina Farmbauer, Rio de Janeiro
Merken
Drucken
Teilen
João Teixeira de Faria bei seinem ersten Auftritt nach der Bekanntmachung der Missbrauchsvorwürfe. (Bild: Filipe Cardoso/EPA; Abadiania, 12. Dezember 2018)

João Teixeira de Faria bei seinem ersten Auftritt nach der Bekanntmachung der Missbrauchsvorwürfe. (Bild: Filipe Cardoso/EPA; Abadiania, 12. Dezember 2018)

Im Jahr 2008 ist Camila Correia Ribeiro, heute Anwältin, aus Belo Horizonte zu einer Behandlung bei João Teixeira de Faria (heute 76), bekannt als «João de Deus» (Johannes von Gott), in Abadiânia gewesen. Sogar ihr Vater war mit im Raum; ihn forderte der vermeintliche Wunderheiler auf, sich umzudrehen, die Augen zu schliessen und zu beten. Dann verging sich «João de Deus», der sie heilen sollte, an der damals 16-Jährigen, berührte sie an den Brüsten und anderen intimen Körperstellen und legte ihre Hand auf sein Glied, wie Correia Ribeiro in der brasilianischen Fernsehsendung «Fantástico» sagte.

Camila sprach mit ihren Eltern zu Hause über das, was in dem spirituellen Zentrum passiert war. Sie reichten gegen den vermeintlichen Wunderheiler, der international bekannt war, eine Klage wegen sexuellen Missbrauchs ein. Es dauerte fünf Jahre, bis das Gericht eine Entscheidung fällte, 2013 sprach es Faria «mangels an Beweisen» frei und stellte den Prozess ein.

Heiler aufgesucht wegen Panikattacken

Camila Correia Ribeiro, die «João de Deus» wegen Panikattacken aufsuchte, unterstellte der Richter, dass sie Fantasie und Realität nicht unterscheiden könne. Missbrauchsvorwürfe gegen Faria hat es immer wieder gegeben. Aber erst nachdem die niederländische Choreografin Zahira Lieneke Mous am 8. Dezember diesen Jahres in der TV-Sendung «Conversa com Bial» Ähnliches wie Correia Ribeiro erzählt hat, haben die Fälle in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit bekommen, was typisch ist für Brasilien, wo man oft dem, was von ausserhalb kommt, mehr Bedeutung als dem eigenen schenkt.

Daraufhin haben auch andere Frauen – unter ihnen auch Deutsche und Schweizerinnen – Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauch gegen Faria erhoben. Inzwischen sind mehr als 500 Anzeigen bei dem zuständigen Ministerium des zentralbrasilianischen Bundesstaates Goiás, in dem Abadiânia liegt, eingegangen, Tendenz steigend. «João de Deus» stellte sich auf einer Strasse in der Nähe der Kleinstadt am vergangenen Sonntag der Polizei.

Er sagte er, er stelle sich der «göttlichen Justiz» und begebe sich in die Hände der «irdischen Justiz». Die Frist, bis zu der er sich hätte stellen sollen, endete am vergangenen Samstag um 12 Uhr. Weil Ermittler in dem Fall seit einigen Tagen Abhebungen und andere Banktransaktionen des schwerreichen Farias in Höhe von 35 Millionen Reais, umgerechnet 8 Millionen Euro, entdeckt hatten, nährte dies den Verdacht, dass er das Land verlassen wollte und beschleunigte den Antrag auf Haftbefehl, dem die Justiz am letzten Freitag nachgegeben hat.

Antrag auf Freilassung vom Gericht abgelehnt

Den Antrag seiner Anwälte auf Freilassung oder andere Massnahmen wie etwa Hausarrest wies ein Gericht an diesem Dienstag ab. Brasilien hat nun quasi einen eigenen «Weinstein-Skandal», der vermutlich auch durch das Bewusstsein der weltweiten MeToo-Bewegung ans Licht gekommen ist. Nachdem die US-amerikanischen Tageszeitung «New York Times» und die Zeitschrift «New Yorker» 2017 Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs veröffentlicht hatten, erhoben viele Frauen aus der Unterhaltungsindustrie ähnliche Anschuldigungen gegen den Produzenten Weinstein.

Unter den brasilianischen Betroffenen ist auch die Tochter des vermeintlichen Wunderheilers, Dalva Teixeira, 49, die der Zeitschrift «Veja» in Brasilien, vergleichbar mit «Spiegel» oder «Profil» im deutschsprachigen Raum, sagte, dass ihr Vater sie über vier Jahre, zwischen 10 und 14, vergewaltigt habe. Falls die Vorwürfe sich bestätigen sollten, handelt es sich nach Einschätzung eines führenden Staatsanwaltes um den grössten Missbrauchsskandal in der Geschichte Brasiliens. João Teixeira de Faria, der alle Vorwürfe zurückweist, hat in Abadiânia als «João de Deus» seit über 40 Jahren spirituelle Heilungen vorgenommen.