Pandemie
Sind die USA über den Berg? Nein, warnt ein Biden-Berater: «Der Krieg gegen Covid-19 ist noch nicht zu Ende»

Ein Land impft auf Hochtouren: Bis zu 4 Millionen US-Amerikaner bekommen täglich eine Impfdosis gespritzt. Den Erfolg verdanken sie auch ihrem Ex-Präsidenten Donald Trump. Doch immer mehr Menschen setzen sich über die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden hinweg - mit Folgen.

Renzo Ruf aus Danville
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Zehntausende Fans feuern in Arlington ihre Baseballmannschaft Texas Rangers an. (5. April 2021)

Zehntausende Fans feuern in Arlington ihre Baseballmannschaft Texas Rangers an. (5. April 2021)

Tom Pennington / Getty Images North America

Danville ist eigentlich keine Reise wert. Die Kleinstadt im Südwesten von Virginia, vier Autostunden von der amerikanischen Hauptstadt entfernt, ist derzeit aber ein bevorzugtes Ausflugsziel für die Bewohner der dichtbesiedelten Vorstädte Washingtons. Denn Danville hat, was im Speckgürtel der Kapitale aufgrund der starken Nachfrage schwer zu ergattern ist: Impfdosen.

Wer die Anreise in Kauf nimmt, kann in einer Grossapotheke an der Peripherie von Danville problemlos einen Termin vereinbaren, um sich die Impfung gegen Covid-19 verabreichen zu lassen. Der Andrang ist entsprechend gross. An diesem warmen Frühlingstag setzen zwei Angestellte der Kette CVS quasi im Minuten-Takt Spritzen.

Zeit für einen Schwatz haben sie nicht, auch weil sie Papierkram erledigen und die offiziellen Impfausweise ausfüllen müssen. Immerhin: Die eine CVS-Angestellte sagt, nach der Verabreichung der ersten Dosis der Moderna-Impfung: «Hoffentlich finden Sie für den zweiten Schuss eine Apotheke, die etwas näher an Ihrem Wohnort liegt.»

 Die Impfkarte unseres Korrespondenten mit der ersten Moderna-Impfung.

Die Impfkarte unseres Korrespondenten mit der ersten Moderna-Impfung.

Renzo Ruf

Dies sollte eigentlich kein Problem darstellen, jedenfalls, wenn es nach Joe Biden geht. Zwar sind im föderalistisch organisierten Amerika die Gouverneure der 50 Bundesstaaten für die logistischen Details der Impfkampagne zuständig. Der Präsident aber will, dass die Gouverneure sämtliche Zulassungsbeschränkungen fallen lassen, damit ab dem 19. April alle Erwachsenen, unabhängig von ihrem Gesundheitszustand oder Beruf, sich impfen lassen können. Dies verkündete Biden am Dienstag nach einem Besuch einer Impfklinik in Alexandria (Virginia), einem Vorort von Washington.

Die Zeit drängt

Biden hat gute Gründe, aufs Tempo zu drücken. Erstens ist die erfolgreiche Impfkampagne ein Aushängeschild seiner immer noch jungen Regierungszeit – auch wenn dieser Erfolg auf der Vorarbeit seines Vorgängers beruht, der einen zweistelligen Milliardenbetrag in die Entwicklung von Impfstoffen investierte. Aktuell hat mehr als 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Amerikas mindestens eine Impfdosis verabreicht bekommen. Fast ein Viertel der Amerikaner oder umgerechnet 60 Millionen Menschen sind bereits vollständig geimpft. Im internationalen Vergleich weisen nur Israel und Grossbritannien bessere Zahlen auf.

Biden weiss zweitens allerdings auch, dass ihm die Zeit davonläuft. Zwar werden jeden Tag bis zu 4 Millionen Impfdosen verabreicht. Die Amerikaner sind aber ein notorisch ungeduldiges Volk und immer weniger Menschen wollen die Ratschläge der Gesundheitsbehörden befolgen. Mit den wärmeren Temperaturen steigt der Drang, sich wieder in Bars zu vergnügen oder sich ein Baseball-Spiel anzuschauen. So waren am Montag mehr als 38'000 Menschen zugegen, als die Texas Rangers in ihrem Stadion in Arlington (Texas) das erste Heimspiel der neuen Baseball-Saison austrugen.

Angesichts der Szenen im Baseball-Stadion könnte man meinen, Amerika sei bereits über den Berg. Die Berater von Präsident Biden allerdings sagen: Dem ist nicht so. «Der Krieg gegen Covid-19 ist noch nicht zu Ende und wir haben noch nicht gewonnen», sagte Corona-Koordinator Andy Slavitt am Montag an einer Pressekonferenz. Es wäre deshalb falsch, ergänzte er, wenn die Amerikaner nun vorzeitig die Wachsamkeit einbüssen würden.

Michigan ist wieder ein Hotspot

In der Tat steigt die Zahl der Covid-19-Erkrankungen seit einigen Tagen landesweit wieder an, auf aktuell mehr als 76'000 Fälle pro Tag. Erklären lasse sich dies auch mit regionalen Virus-Mutationen, sagte Rochelle Walensky, die Direktorin der Gesundheitsbehörde CDC (Centers of Disease Control), am Montag. So ist der Bundesstaat Michigan, im vorigen Frühjahr ein Epizentrum der Pandemie, aktuell wieder ein Hotspot.

Trotz dieser beunruhigenden Entwicklung sinkt die Zahl der Todesopfer stetig, auf derzeit etwas mehr als 500 pro Tag. Derzeit steckten sich vor allem junge Menschen mit Corona an, sagte die CDC-Direktorin, auch weil weit mehr alte Amerikaner bereits geimpft seien. Diese Entwicklung zeige: «Der Impfstoff wirkt.»