Senatswahlen in Georgia
Dieser Pfarrer könnte Donald Trumps Partei einen fetten Strich durch die Rechnung machen

Bei den Senatswahlen am Dienstag steht die Kontrolle über die politische Macht in Washington auf dem Spiel. Mitschuldig am wahrscheinlichen Sieg der Demokraten ist ausgerechnet Trump.

Renzo Ruf aus Washington
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Raphael Warnock, 51, wäre der erste schwarze Senator aus Georgia.

Raphael Warnock, 51, wäre der erste schwarze Senator aus Georgia.

Keystone

Als die Senatorin Kelly Loeffler vor einem Jahr auf Einladung von Pastor Raphael Warnock die Ebenezer Baptist Church in Georgias Hauptstadt Atlanta besuchte, zeigte sie sich tief beeindruckt. Die Republikanerin – mit einem geschätzten Vermögen von 800 Millionen Dollar die reichste Politikerin im Senat – sprach von einem «heiligen» Ort. So geht es vielen Amerikanern, wenn sie den historischen Komplex besuchen, in dem einst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King predigte.

In der Schlussphase des Wahlkampfes um die beiden Senatssitze in Georgia, mit denen das aussergewöhnliche amerikanische Wahljahr am Dienstag zu Ende geht, schlägt Loeffler nun aber ganz andere Töne an.

Will die Wahl des Pastors verhindern: die schwerreiche amtierende Senatorin Kelly Loeffler, 50.

Will die Wahl des Pastors verhindern: die schwerreiche amtierende Senatorin Kelly Loeffler, 50.

Keystone

Ihr einstiger Gastgeber Raphael Warnock will als demokratischer Herausforderer ihre Wiederwahl verhindern. Und die 50-jährige Kelly Loeffler schlägt harsche Töne an. Der schwarze Pfarrer sei ein «Marxist», der das weisse Amerika hasse und Amerika von Grund auf verändern wolle, schimpft die Republikanerin auf Twitter.

Verändern will der 51-jährige Warnock, der seit 2005 an der Spitze der Ebenezer Baptist Church steht, primär die Rolle der Kirche in der amerikanischen Politik. Der Pastor ist der Meinung, die Kirche solle nicht nur über religiöse Erlösung sprechen, sondern auch über soziale Gerechtigkeit und Politik.

Warnock, der in einer Sozialwohnung in der Stadt Savannah aufgewachsen ist, in der sich zehn Familienmitglieder vier Schlafzimmer teilten, hat eine fundamental andere Sicht auf das Leben als seine schwerreiche Kontrahentin, die sich von der Bauerntochter zur Unternehmerin wandelte. In seiner langen Karriere als Pastor hat er sich immer wieder mit prononcierten Stellungnahmen angreifbar gemacht. Stellungnahmen, die ihn nun im Wahlkampf heimsuchen.

So verbreitete Loeffler ein Video aus dem Jahr 2011, in dem Warnock mit Bezug auf das Matthäusevangelium sagte: «Niemand kann gleichzeitig Gott und den Streitkräften dienen.» Auch setzte sich der Pastor in seinen Predigten regelmässig für unterdrückte Völker ein. So zog er 2019 nach einer Pilgerreise Vergleiche zwischen dem rassistischen Apartheid-Staat in Südafrika und der Unterdrückung der Palästinenser durch die israelischen Streitkräfte.

Die Republikanerin rückt Warnock in die Nähe von Kindsmissbrauch

Den grössten politischen Schaden im Wahlkampf allerdings richtete eine Episode aus dem Sommer 2002 an, die von Loeffler genüsslich aufgewärmt wurde. Vor fast 20 Jahren war Warnock als Pfarrer einer Kirche in Baltimore (Maryland) tätig. Während eines Sommerlagers für Afroamerikaner auf dem flachen Land wurde er festgenommen, weil er angeblich die Ermittlungen der lokalen Polizei wegen des Verdachtes auf Kindsmissbrauch behindert habe.

Warnock sagte später, er habe bloss sicherstellen wollen, dass sich eine Vertrauensperson im Raum befinde, als sich die Ermittlungsbehörden dazu anschickten, mit Kindern zu sprechen. Die Anklagebehörde gab dem Pfarrer später recht und die Vorwürfe gegen ihn wurden fallengelassen.

Nicht hilfreich ist zudem, dass Warnock sich im vorigen Jahr von seiner Ehefrau scheiden liess. Und dass diese Trennung alles anderes als einvernehmlich verlief. So behauptete seine Ex-Frau, der Pastor habe sie im März 2020 verletzt, in dem er mit seinem Auto über ihren Fuss gefahren sei. Die Polizei fand allerdings keinen Beweis für diese Behauptung und verzichtete darauf, ein Verfahren gegen Warnock zu eröffnen.

Trotz dieser Breitseiten schlug sich Warnock im Wahlkampf, in dem nichts weniger als die Kontrolle des Senats in Washington auf dem Spiel steht, überraschend gut – auch weil er sich nicht aus der Reserve locken liess.

Warnock ist es laut den Meinungsumfragen gelungen, nicht nur Afroamerikaner von seiner Kandidatur zu überzeugen, sondern auch religiöse weisse Wechselwähler. Dass der Demokrat von ihnen wachsenden Zuspruch erhält, liegt auch an Präsident Donald Trump. Er hat vergangene Woche offen den Rücktritt von Georgias republikanischem Gouverneur Brian Kemp gefordert, weil dieser sich weigert, Trumps Wahlbetrugs-Vorwürfen nachzugehen.

Warnock hat Trump zu danken

Weiteren Unmut im Lager der Republikaner sät die jüngste Enthüllung der Washington Post. Die Zeitung hat am Wochenende den Mitschnitt eines Telefonats veröffentlicht, in dem Trump die Wahlverantwortlichen in Georgia unter Druck setzt, ihm – auf welchem Weg auch immer – 11'000 Stimmen zu finden. Sollten sie das nicht tun, würde er rechtliche Schritte gegen sie erwägen, sagte der Präsident.

Und das ist die eigentliche Überraschung in diesem Wahlkampf: Es ist nicht ausgeschlossen, dass am Dienstag im Südstaat Georgia erstmals ein schwarzer Senator gewählt wird – und dass dieser Senator seine Wahl Präsident Trump verdanken würde.

Deshalb sind die Wahlen in Georgia so wichtig

Georgia wählt am Dienstag gleich zwei neue Senatoren. Der Demokrat Raphael Warnock (51) tritt gegen die amtierende Republikanerin Kelly Loeffler (50) an, der Demokrat Jon Ossoff (33) gegen den Republikaner David Perdue (71). Laut jüngsten Umfragen liegen die demokratischen Kandidaten in beiden Rennen vorne. Der Senatswahlkampf ist bereits jetzt der teuerste der US-Geschichte. Alleine seit dem Wahltag am 3. November haben die Kandidaten mehr als 480 Millionen Dollar in Wahlwerbung investiert.

Die Wahlen im Bundesstaat Georgia sind deshalb von grosser Bedeutung, weil ihr Ausgang über die Mehrheitsverhältnisse in der kleinen amerikanischen Parlamentskammer entscheiden wird. Stand jetzt haben die Republikaner 51 Sitze, die Demokraten 48. Gewinnen die Demokraten beide Rennen in Georgia, steht das Kräfteverhältnis also genau bei 50 zu 50. In diesem Fall läge der Stichentscheid bei Abstimmungen bei Vizepräsidentin Kamala Harris, der offiziellen Senatsvorsitzenden.

Wenn die Republikaner die Wahlen in Georgia verlieren, sind sie in beiden Kammern (dem Senat und dem Repräsentantenhaus) in der Minderheit. Das würde es ihnen deutlich erschweren, das Regierungsprogramm von Präsident Joe Biden auszubremsen. (sas)