Ever Given
Wie Piraten von der Suez-Krise profitieren: Dem Welthandel droht eine neue Gefahr

Die Havarie der «Ever Given» zeigt, wie anfällig der Welthandel ist. Die amerikanische Kriegsmarine soll jetzt Handelsschiffe schützen.

Thomas Seibert aus Istanbul
Drucken
Teilen
Der Suez-Kanal ist ein Nadelöhr des Welthandels - und gleichzeitig dessen Achillesferse. Die Gefahr von Anschlägen auf die Schiffe steigt.

Der Suez-Kanal ist ein Nadelöhr des Welthandels - und gleichzeitig dessen Achillesferse. Die Gefahr von Anschlägen auf die Schiffe steigt.

Getty

Im Suez-Kanal strandet ein Schiff – und in Europa werden Kaffee und Toilettenpapier knapp: Die Havarie des Containerfrachters «Ever Given» hat die Störanfälligkeit der weltweiten Handelsströme demonstriert. Der Verkehr auf der wichtigen Wasserstrasse zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer läuft zwar wieder, doch es wird Tage dauern, bis die rund 400 wartenden Schiffe ihre Fahrt fortsetzen können. Beobachter fürchten nun, dass insbesondere Piraten und Terrorgruppen genau hingeschaut haben, was sich da in den vergangenen Tagen im Suez-Kanal abgespielt hat.

Am Montag konnte das Containerschiff «Ever Given» freigelegt werden.

CH Media Video Unit

Was, wenn Extremisten Anschläge auf Frachtschiffe verüben?

Der Suez-Kanal liegt nahe am Jemen, wo seit sechs Jahren Krieg herrscht und wo die Huthi-Rebellen mit Drohnen- und Raketenangriffen gegen Saudi-Arabien im vergangenen Jahr mehrmals bewiesen haben, dass sie auch weit jenseits der Landesgrenzen zuschlagen können. Auf der Sinai-Halbinsel am Ostufer des Kanals bekämpfen ägyptische Sicherheitskräfte seit Jahren die Extremisten des Islamischen Staates. Die Dschihadisten töten nach eigenen Angaben jedes Jahr Hunderte Menschen in dem Gebiet. Was aber passiert, wenn diese Gruppen ihren Hass auf den Westen in Form von Anschlägen auf die langsam vorbeituckernden Frachtschiffe zum Ausdruck bringen?

Von der Hand weisen lässt sich diese Gefahr längst nicht mehr. Vor acht Jahren etwa griffen Mitglieder der islamistischen Furkan-Brigaden zwei Schiffe auf dem Suez-Kanal mit Panzerfäusten an. Damals blieb es bei leichten Sachschäden.

Auch heute ist der Suez-Kanal nicht zuletzt wegen der ägyptischen Kontrolle über die Region «kein einfaches Ziel für Extremisten», sagt Dirk Kunze, Regionaldirektor der Friedrich-Naumann-Stiftung für Nahost und Nordafrika. Der Kanal sei sicherer als etwa der Persische Golf, an dem sich politische Gegner wie Saudi-Arabien und der Iran direkt gegenüberstehen.

130 Entführungen im vergangenen Jahr

Das Gefahrenpotenzial für Anschläge ist dennoch da, meint James Stavridis, pensionierter US-Admiral und früherer Kapitän des Flugzeugträgers «Enterprise». Mehrmals habe er bei Durchfahrten durch den Kanal Waffen an seine Mannschaft ausgeben und sein Schiff von Helikoptern begleiten lassen, weil es terroristische Drohungen gab, schrieb Stavridis im US-Magazin «Time». Joshua Hutchinson, Chef der auf Sicherheit der Seeschifffahrt spezialisierten Beraterfirma ARX Mouldings, sagte der britischen Zeitung «Independent», die vielen Schiffe, die in den vergangenen Tagen wegen des Unfalls der «Ever Given» vor dem Kanal warten mussten, seien leichte Ziele für Anschläge.

Wieder unterwegs: Die «Ever Given» wurde am Montag abgeschleppt und einer technischen Untersuchung unterzogen.

Wieder unterwegs: Die «Ever Given» wurde am Montag abgeschleppt und einer technischen Untersuchung unterzogen.

EPA

Auch der Umweg um das Horn von Afrika, der für Schiffseigner wegen des Staus am Suez-Kanal wieder attraktiver geworden ist, hat seine Risiken. Dazu gehören Angriffe von Piraten vor der Küste Somalias, wo ein internationaler Marineverband die Schifffahrt schützen soll. Wenn es jetzt wegen der Krise um die «Ever Given» wieder mehr Schiffsverkehr in der Region gebe, «könnte das somalischen Piraten die Chance geben, Schiffe anzugreifen», warnt der internationale Schiffseigner-Verband Bimco.

Piraten lauern auch vor der afrikanischen Westküste, wo allein im vergangenen Jahr 130 Seeleute von ihren Schiffen geholt und entführt wurden. Einige Branchenvertreter nahmen mit der US-Kriegsmarine Gespräche über die Möglichkeit militärischer Eskorten für Handelsschiffe auf. Klar ist die Ausgangslage auch für Joe Macaron von der Denkfabrik Arab Center in Washington. Er erklärte unserer Redaktion, ohne langfristige Strategie würden die Risiken von Piraten-Angriffen und Terroranschlägen zunehmen.

Aktuelle Nachrichten