Ukraine-Krise
Wegen Putins Truppenaufmarsch: Schweden schickt Panzer und Soldaten nach Gotland

Wegen der Krise an der ukrainischen Grenze steigt die Nervosität in der Ostsee. Schweden und Finnland hinterfragen ihr Verhältnis zur Nato.

Niels Anner, Kopenhagen
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Panzer vor der Stadt Visby auf Gotland: Wegen russischer Truppenaufmärsche erhöht Schweden die Militärpräsenz.

Panzer vor der Stadt Visby auf Gotland: Wegen russischer Truppenaufmärsche erhöht Schweden die Militärpräsenz.

In der beschaulichen mittelalterlichen Stadt Visby auf der Ostseeinsel Gotland rollten am Wochenende Panzer. Im Hafen, am Flughafen und anderen zentralen Orten patrouillierten schwer bewaffnete schwedische Soldaten. Sie waren mit Transportflugzeugen vom Festland aus ganz Schweden nach Visby geflogen worden, während ihre Fahrzeuge mit einer Passagierfähre auf die Ferieninsel übersetzten. Der Hintergrund für die Truppenverschiebungen sei die «weiter verschlechterte Lage mit erhöhter militärischer Aktivität in der Region», erklärte eine Armee-Sprecherin am Samstag. «Da können wir nicht einfach zuschauen.»

Gemeint ist damit die Drohkulisse Russlands gegen die Ukraine und die Nato-Länder, aber auch, dass Russland in den letzten Tagen die Zahl seiner Kriegsschiffe in der Ostsee von drei auf sechs verdoppelt hat. Laut Medienberichten sind kürzlich drei mit Landungsfahrzeugen und -truppen ausgerüstete Schiffe vorbei an Dänemark in die russische Enklave Kaliningrad zwischen Litauen und Polen gefahren.

Gotland: Auf der schwedischen Insel rollen Panzer.

Gotland: Auf der schwedischen Insel rollen Panzer.

chm

Strategisch wichtige Insel

Wenn es um russische Aktivität in der Ostsee geht, spielt immer auch Gotland eine Rolle. Die schwedische Insel, 300 Kilometer von Kaliningrad entfernt, hat wegen ihrer Lage hohe strategische Bedeutung. Von hier aus lässt sich die Region militärisch überwachen – und könnte Russland auf Gotland Raketen stationieren, gäbe das eine enorme Kontrolle. Militärische Analytiker haben in den vergangenen Jahren von Manövern Russlands berichtet, bei denen Angriffe auf Ostseeinseln geübt wurde. Schweden wird zudem regelmässig provoziert, mit Luftraumverletzungen über Gotland, fingierten Raketenangriffe, Hackerattacken und 2014 einem vermuteten U-Boot in den Schärenlandschaft vor Stockholm.

Finnlands Regierungschefin Sanna Marin.

Finnlands Regierungschefin Sanna Marin.

Zhang Cheng / www.imago-images.de

Wegen Russland hat Schweden bereits in den letzten Jahren mehr Truppen sowie ein neues Luftabwehrsystem auf Gotland stationiert. Und Stockholm setzt grundsätzlich auf Aufrüstung: Mit der wiedereingeführten Wehrpflicht sowie einer deutlichen Erhöhung des Verteidigungsbudgets. Weder Experten noch die schwedische Regierung glauben zwar, dass Russland tatsächlich einen bewaffneten Angriff ausführt, zumindest nicht unmittelbar. Aber Verteidigungsminister Peter Hultqvist erklärte am Samstag: «Ein Angriff kann nicht ausgeschlossen werden. Wir treffen Massnahmen, um die Verteidigung Schwedens zu signalisieren.» Man lasse sich nicht überrumpeln.

Russische Drohungen im Falle eines Nato-Beitritts

Will sich von Putin in Sachen Nato nichts diktieren lassen: Schwedens Regierungschefin Magdalena Andersson.

Will sich von Putin in Sachen Nato nichts diktieren lassen: Schwedens Regierungschefin Magdalena Andersson.

Marko Saavala / EPA

Die eigene Position markieren will Schweden wie auch das Nachbarland Finnland zudem im Hinblick auf den Konflikt zwischen Russland, Ukraine und Nato. Die beiden nordischen EU-Länder sind keine Nato-Mitglieder, sie kooperieren jedoch häufig und eng mit dem Bündnis. Ein Beitritt, wie ihn die baltischen Nachbarn vollzogen haben, wurde jedoch nie angestrebt – auch um Moskau nicht zu provozieren: Dieses hat wiederholt mit «schwerwiegenden Konsequenzen» im Fall eines Beitritts gedroht.

Insbesondere Finnland mit der langen gemeinsamen Grenze mit dem Nachbarn im Osten ist bemüht um ruhige Verhältnisse. Mit der Forderung Putins, die Nato müsse sich verpflichten, keine weiteren Mitglieder aufzunehmen, hat aber der Kreml für Schweden und Finnland eine rote Linie überschritten. Die beiden Regierungschefinnen Magdalena Andersson und Sanna Marin erklärten mit Nachdruck, ihre Länder würden in der Nato-Frage jederzeit frei entscheiden.

Beide Sozialdemokratinnen wollen im Moment keinen Beitritt, doch vor allem in Schweden fordert eine bürgerliche Mehrheit im Parlament, dass man noch näher an die Nato rücke. Diskutiert wird eine Nato-Option, wie sie Finnland bereits hat: Rechtliche Vorarbeiten wurden gemacht, der Beitritt ist aufgegleist und rasch möglich, wenn es die Lage erfordert.

Wegen der fragilen Lage rund um die Ukraine wollen jedoch beide Länder am Status Quo festhalten – zumindest wenn Russland die Ukraine nicht angreift. Im anderen Fall könnte es schnell gehen, glaubt der frühere dänische Nato-Chef Anders Fogh Rasmussen: Schweden und Finnland seien die engsten Partner des Bündnisses. «Wenn sie den Beitritt beantragen, kann die Nato über Nacht entscheiden. Am nächsten Tag sind sie Mitglieder.»

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