Massengrab Mittelmeer
Zum Zusehen verdammt? Antwort: «Das ist die falsche Frage»

Das jüngste Drama mit 400 ertrunkenen Flüchtlingen zeigt, wie schlimm es noch werden könnte. Kein Grund für die Schweiz, einzugreifen, findet die SVP.

Daniel Fuchs
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Mit ihnen sollen 500 Menschen an Bord des Unglücksschiffs gewesen sein. Überlebende Flüchtlinge warten im Hafen von Corigliano (Kalabrien).

Mit ihnen sollen 500 Menschen an Bord des Unglücksschiffs gewesen sein. Überlebende Flüchtlinge warten im Hafen von Corigliano (Kalabrien).

Keystone

Im Mittelmeer geht das Sterben von vorne los: 400 Menschen werden vermisst, seit ihr Boot am Montag vor der libyschen Küste gekentert ist.

Die Seeretter konnten erst neun Leichname aus dem Wasser bergen. 142 Überlebende wurden nach Süditalien gebracht. Ihre Aussagen lassen darauf schliessen, dass sich bei der Abfahrt in Libyen um die 500 Passagiere an Bord befunden hatten, darunter viele Kinder.

Mit dem jüngsten Unglück dürften seit Jahresbeginn bereits gegen tausend Menschen im Mittelmeer ertrunken sein. Letzes Jahr waren es gemäss der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR über 3000 Menschen.

Beat Schuler, UNHCR-Mitarbeiter in Rom, hat die aktuellen Zahlen vor sich. «Die Überfahrten von Flüchtlingen nehmen nun mit den besseren Wetterbedingungen massiv zu», sagt er.

Stand heute sind es 21 500 Flüchtlinge, die seit Jahresbeginn in Italien gelandet sind. Ende April letzten Jahres waren es 26 600. «Wenn es so weitergeht, dann übertreffen die diesjährigen Zahlen die letztjährigen rekordhohen sogar noch. Und die Saison hat gerade erst begonnen!»

Italiens Retter sind überfordert

Dabei sei die italienische Küstenwache schlicht überfordert, so Schuler. In die Bresche springen vor allem private Handelsschiffe und italienische Marineschiffe der Operation «Mare sicuro», die eigentlich aus Angst vor Terroristen für den Schutz italienischer Ölbohrinseln vor Libyen abbestellt sind.

Die italienische Seerettungsmission «Mare nostrum», die vergangenes Jahr vor der Küste Libyens Flüchtlinge in Seenot aufgriff und aus Kostengründen eingestellt wurde, hat also eine Art Nachfolger. Wenn auch unfreiwillig. Denn die EU-Mission zum Schutz der EU-Aussengrenze mit dem Namen «Triton» ist so schlecht ausgerüstet, dass sie in der Rangliste der Seeretter derzeit nur den dritten Platz einnimmt.

Auch an Land ist die Situation laut UNHCR-Angaben prekär: Das Auffanglager auf der Mittelmeerinsel Lampedusa ist hoffnungslos überfüllt. Statt der 375 Menschen, für die das Lager konzipiert ist, sind 1500 dort. Das hat Folgen für die Seeretter: Weil sie keine weiteren Flüchtlinge in Lampedusa absetzen können, müssen sie den viel weiteren Weg nach Sizilien nehmen, um die Menschen dort an Land gehen zu lassen. Das Unheil nimmt seinen Lauf: Die Rettungsschiffe fehlen anderswo auf dem Mittelmeer, wenn erneut Flüchtlingsboote sinken.

«Nicht unsere Küste», sagt die SVP

Die Mittelmeerküste ist die der Schweiz am nächsten gelegene Meeresküste. «Unser Meer» nannten die Italiener ihr Rettungsprogramm letztes Jahr. Wäre es nicht an der Zeit für eine europäische Seenotrettung? Gehört das Mittelmeer nicht auch zur Schweiz, die als Mitglied des Schengen-Dublin-Raums Teil der europäischen Asylpolitik ist?

Die Fragen gehen an die SVP. Der einzigen Schweizer Partei, die erklärtermassen eine Asylpolitik betreibt, die jedoch darin besteht, möglichst gar keine Flüchtlinge in die Schweiz hineinzulassen. Und so stossen die Fragen vor allem auf eines: Unverständnis. «Bei aller Tragik, die das Unglück beinhaltet: Die Tragödie auf dem Mittelmeer kann die Schweiz nicht lösen», sagt der Zürcher SVP-Nationalrat Hans Fehr.

Müssen wir dem Massensterben auf dem Mittelmeer also tatenlos zusehen? Fehr weist auf die Schweiz als Binnenland hin: «Das ist die falsche Frage», sagt er.

Denn, so akut das Problem sei, so stark müsse es an der Wurzel gepackt werden. «Die EU muss der himmeltraurigen Schlepperindustrie das Handwerk legen», fordert Fehr. Die Schweiz könne dazu vor allem Folgendes beitragen: sich in den überfüllten Flüchtlingslagern Nordafrikas und in Nahost für bessere Bedingungen einsetzen und das Land unter Wirtschaftsflüchtlingen unattraktiv machen.

Würden das alle Industrieländer tun, ist sich Fehr sicher, liesse sich der Flüchtlingsstrom trockenlegen.

Das ist mehr als ambitioniert. Denn klappt es, so sterben keine Flüchtlinge mehr im Mittelmeer. Beat Schuler vom Flüchtlingswerk UNHCR wird deutlich: «Das ist pure Selbstüberschätzung.»

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