Wochenkommentar

1 Million Muslime in der Schweiz – alles kein Problem?

Die muslimische Bevölkerung wächst, selbst unter der unrealistischen Annahme, dass in den nächsten 33 Jahren kein einziger Muslim mehr einwandert.

Die muslimische Bevölkerung wächst, selbst unter der unrealistischen Annahme, dass in den nächsten 33 Jahren kein einziger Muslim mehr einwandert.

In seinem Wochenkommentar zur wachsenden Bedeutung des Islam schreibt Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende»: «Naivität hilft ebenso wenig weiter wie Angstmacherei.»

Prognosen sind bekanntlich schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. 2004 erlangte der damalige SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer zweifelhafte Berühmtheit, als er Hochrechnungen zur muslimischen Bevölkerung in der Schweiz anstellte. «Muslime bald in der Mehrheit», war das Fazit seiner Taschenrechnerübungen, das der sendungsbewusste Politiker dem Land via Zeitungsinserate kundtat.

Seriöser scheinen die Prognosen des amerikanischen Pew Research Center zu sein, das diese Woche eine Studie zu den Bevölkerungszahlen in Europa publizierte. Demnach leben heute 521 Millionen Menschen in Europa (genauer: In der EU, in der Schweiz und in Norwegen), davon sind 26 Millionen muslimischen Glaubens. Das Institut wagt einen Blick in die Zukunft, bis ins Jahr 2050, ausgehend von drei Szenarien. Für die Schweiz kommen die Forscher zu folgenden Ergebnissen:

– Szenario «Keine Migration»: Es wandern keine neuen Flüchtlinge und Arbeitsmigranten mehr ein. Trotzdem steigt die Zahl der Muslime von heute rund 500 000 auf 660 000. Dies, weil Musliminnen im Durchschnitt mehr Kinder zur Welt bringen als Frauen mit anderer Religion und weil die muslimische Bevölkerung vergleichsweise jung ist.

– Szenario «Mittlere Migration»: Die Einwanderung setzt sich im bisherigen Ausmass fort. Dann werden im Jahr 2050 rund 1,14 Millionen Muslime in der Schweiz leben, das entspricht einem Anteil von 10 Prozent (heute 6 Prozent) an der Gesamtbevölkerung, die gemäss diesem Modell 11 Millionen Einwohner zählt.

– Szenario «Hohe Migration»: Der Flüchtlingsstrom nach Europa und in die Schweiz bleibt bis ins Jahr 2050 dauerhaft so gross, wie er 2014 bis 2016 im Zuge der Flüchtlingskrise war. Trifft das ein, leben dannzumal 1,5 Millionen Muslime in der Schweiz, bei einer Gesamtbevölkerung von 12 Millionen Einwohnern. Gemäss Bundesamt für Statistik ist dieses Szenario «extrem» und wenig wahrscheinlich.

Die Zuwanderung hängt von unzähligen Faktoren ab – Kriege, wirtschaftliche Entwicklung, Klimawandel, politische Entscheide –, die kaum vorhersehbar sind. Dennoch scheint eines klar: Die muslimische Bevölkerung wächst, selbst unter der unrealistischen Annahme, dass in den nächsten 33 Jahren kein einziger Muslim mehr einwandert. Darum kommt unsere Gesellschaft nicht umhin, sich mit dieser Entwicklung auseinanderzusetzen. Mit politisch korrekten Beschwichtigungen ist es nicht getan. «Niemand muss befürchten, dass wir unter die Herrschaft des Halbmonds geraten», kommentierte Antonius Liedhegener, Professor für Politik und Religion an der Universität Luzern, in der «NZZ» die Bevölkerungsprognose. Wie beruhigend! Naivität hilft ebenso wenig weiter wie Angstmacherei.

Die phänomenale Integrationskraft der Schweiz hat Grenzen

Die grösste Gefahr ist der Fundamentalismus. Den gibt es auch bei einer Minderheit der Muslime in der Schweiz. In den vergangenen Monaten haben mehrere radikale Imame, in Biel und anderswo, Schlagzeilen gemacht. Saïda Keller-Messahli, die das Forum für einen fortschrittlichen Islam gegründet hat, kommt zum Schluss, dass hierzulande die Mehrheit der Imame islamistisch sind. In ihrem Buch «Islamistische Drehscheibe Schweiz» schreibt Keller-Messahli, Islamisten würden unsere Gesellschaft gezielt unterwandern und gerade bei jüngeren Menschen missionieren – unter anderem mit Geld aus Saudi-Arabien.

Das Rekrutierungsfeld verdoppelt sich, wenn statt wie heute 500 000 Muslime rund eine Million hier leben. Somit steigt auch die Gefahr islamistischer Umtriebe. Wozu diese im Extremfall führen können, haben Terroranschläge in mehreren europäischen Städten in den vergangenen Jahren gezeigt.

Die Schweiz hat in ihrer Geschichte eine bewundernswerte Integrationskraft bewiesen. Aber alles ist eine Frage des Masses. In einer Schulklasse funktioniert die Integration nicht mehr, wenn zu viele Kinder aus fremden Kulturen im Schulzimmer sitzen. So verhält es sich auch mit der Gesellschaft als Ganzes: Übersteigt der Anteil der Zugewanderten in einem Quartier, einer Gemeinde oder Region einen bestimmten Wert, wirds schwierig. Dann drohen Parallelgesellschaften, wie sie in Belgien und Frankreich längst traurige Realität sind.

Angesichts des um sich greifenden Kulturrelativismus vor allem von links-grüner Seite gibt es noch eine weitere Gefahr: Dass man es nicht mehr für nötig hält, dem wachsenden Anteil von Menschen aus anderen Kulturen unsere Werte und Gesellschaftsordnung begreifbar zu machen. Unsere offene, liberale Gesellschaft ist nicht in Stein gemeisselt. Sie ist verletzlich und muss immer wieder vermittelt und gelebt werden – selbstredend nicht nur von Zuzügern, sondern auch von den Einheimischen. Mit Gleichgültigkeit und gedankenloser Toleranz auch gegenüber Intoleranz werden wir das nicht schaffen.

patrik.mueller@schweizamwochenende.ch

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