Kolumne

Ach du liebe Schweiz

Susanne Wille: «Kommentare haben es in sich. Sie können erhellend, wertvoll oder auch übel sein. Das weiss ich, darum lese ich sie nur dosiert.» (Symbolbild)

Susanne Wille: «Kommentare haben es in sich. Sie können erhellend, wertvoll oder auch übel sein. Das weiss ich, darum lese ich sie nur dosiert.» (Symbolbild)

In ihrer neusten Kolumne schreibt Susanne Wille über Internetkommentare und die Frauenfrage bei der Bundesratswahl.

Als Mitte August zum ersten Mal nach einer technischen Panne die Nachrichtensendung «10 vor 10» ausfiel, schrieb ein Zuschauer, dass damals, als noch gestandene Männer diese Sendung gemacht hätten, so etwas nicht vorgekommen wäre. Dieser Kommentar erübrigt sich zweifelsfrei eines weiteren Kommentares.

Aber Kommentare haben es in sich. Sie können erhellend, wertvoll oder auch übel sein. Das weiss ich, darum lese ich sie nur dosiert. Doch ab und an kann ich es nicht lassen und schaue sie mir allesamt an. Und natürlich nicht nur, wenn sie meine Sendungen direkt betreffen, sondern auch, wenn es beispielsweise um die anstehenden Bundesratswahlen geht.

Irgendwann lachen wir über die Geschlechterdebatte

Und ebendiese Lektüre stimmte mich nachdenklich. So fragte jemand im Nachgang zu einem Artikel über die verschiedenen Bundesrats-Kandidaten, warum denn die Frauen sich immer dann so aufdringlich zu Wort melden würden, wenn es um Chefposten gehe, aber dort, wo man sich die Hände schmutzig mache, dort stellten sie keine Ansprüche. Und ein anderer meinte, Frauen müssten doch nicht 50 Prozent in Gremien vertreten sein, nur weil sie 50 Prozent der Bevölkerung ausmachten, man soll doch jenen Frauen, die die Geschlechterfrage nicht stellten, ihr Recht lassen, wenn sie Vertrauen in ihre Männer hätten. Ach du liebe Schweiz! Nun ist mir natürlich klar, dass erstens Kommentarspalten nur Ausschnitte aus einem Meinungs-Spektrum abbilden. Kommt zweitens hinzu, dass unterschiedliche Meinungen unser Land ausmachen, das akzeptiere ich. Aber die Linien, denen entlang die Frauendebatte bei der Bundesratswahl geführt wird, zeichnen eben ein Gesamtbild unseres Landes, das nicht nur schmeichelhaft ist.

Vor sieben Jahren schrieb ich an gleicher Stelle, dass wir irgendwann über die Geschlechterkampfdebatte im Bundesrat hoffentlich lachen würden. Es sollte doch nicht mehr darum gehen, ob eine, drei oder sechs Frauen im Bundesrat sitzen würden. Die Frauenpräsenz sollte längst normal sein. Aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass das immer noch Wunschdenken ist. 2010, als es um die Nachfolge der Bundesräte Merz und Leuenberger ging und plötzlich eine Frauenmehrheit in den Bereich des Möglichen kam, wurde ja gar besorgt eine «drohende Feminisierung» der Landesregierung heraufbeschworen. Das ist zwar diesmal nicht mehr der Fall. Doch auch 2017 wird die Frauenfrage kontrovers diskutiert. Dass dies so ist, zeigt ja, dass wir noch nicht weiter sind, dass wir immer noch an der männerdominierten historischen Vorgabe kleben, dass zu viel diskutiert, statt einfach gehandelt wird. Das sollte uns – Frauen und Männern – zu denken geben. Und zwar über die Wahl eines Bundesrats hinaus, weil derartig anstehende Entscheidungen ein Brennglas sind. Sie vergrössern das, was im Argen liegt.

Noch 47 Jahre, bis die Gleichstellung erreicht ist

Denn die Politik ist auch ein Abbild der Gesellschaft. Nach wie vor liegt die Schweiz in Sachen Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt hinter vielen Ländern zurück. Das WEF hat berechnet, dass es generell in Westeuropa noch 47 Jahre brauche, bis Gleichstellung erreicht sei. Das könnte, ja das müsste doch schneller gehen. Aber es ist halt die Summe vieler kleiner Dinge, die im Grossen immer noch als Hemmschuh wirken. Teure Kinderbetreuung. Schulmodelle, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschweren, Blockzeiten an den Schulen etwa sind noch nicht überall Standard. Zu wenig Top-Sharing-Modelle, die es ermöglichen würden, dass eine Mutter Verantwortung übernehmen und gleichzeitig zu Hause präsent sein kann. Festgefahrene Rollenbilder, zu wenig teilzeitarbeitende Männer, Toleranz der Arbeitgeber. Die Liste an Dingen, die sich ändern liessen, würde den Rahmen der Kolumne sprengen.

Nur über die Defizite zu lamentieren, würde aber der Komplexität des Ganzen nicht gerecht. Deshalb der Appell an die Frauen: Traut euch, steigt noch zahlreicher in die Politik ein, formuliert Ansprüche, übernehmt im Job Verantwortung. Und ein Appell an die Männer: Bitte nicht falsch verstehen: Gleichberechtigung geht nicht auf Kosten von euch, aber sie steht einer modernen Gesellschaft als Selbstverständlichkeit gut an. Und zusammen ist es doch eh interessanter. So. Schauen wir also weitere sieben Jahre nach vorn. Mögen dann solche Kolumnen nicht mehr nötig sein. Achtung, sonst komm ich nochmals.

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