Kaum ein Tag ohne Prinz Harry und Meghan Markle. Die beiden platzen fast vor Glück. Können es nicht fassen, zusammen zu sein. Sie haben sich entdeckt, nicht gesucht, sie sind einander zugefallen. Ein seltener Fall in digitalen Zeiten. Heute kommt man lieber ohne Umwege zur Sache. Traum war es schon immer: direkt zur/zum idealen Geliebten. Nur dass das bisher äusserst unwahrscheinlich blieb. Das Leben war kurz, die Auswahl gering. Jetzt, digital, kommen wir dem Traum näher. Algorithmen paaren uns passgenauer. Ist auch eine Frage der Datenmenge.

Ich rede nicht von Tinder, der Plattform für Seitensprünge. Die taugt prima für Notfälle. Für längerfristige Interessen holen Online-Dating-Portale gründliche Auskünfte ein. Bei eDarling zum Beispiel müssen Kunden erst mal 283 Fragen beantworten, daraus wird dann ein Profil gebastelt: Wo verorten sich die Kandidaten bei den Big Five, jenen fünf Merkmalen, die als stabile Pfeiler einer Persönlichkeit gelten? Wie neurotisch ist jemand unterwegs, wie extrovertiert, verträglich, gewissenhaft, offen für Erfahrungen? Daten wie Herkunft, Wohnort, Einkünfte etc. fliessen ein – und dazu die Wünsche: Wie soll meine Wunschfrau aussehen, Alter, Gewicht, Haarfarbe? Intelligent, lustig, romantisch? Soll sie alte Filme mögen, Hunde, Bücher besitzen, Mac statt Windows, erfolgreich sein, aber demütig …?

Algorithmen fischen Ähnlichkeiten verlässlicher heraus als Menschen

Ist das noch Flirt? Eher Fahndung. Allerdings mit sichtlichem Erfolg. Nicht nur findet sich in unseren Gegenden mittlerweile bald jedes dritte Paar über Online-Dating. Algorithmisch sortierte Partnerschaften halten auch länger als Beziehungen, die in der analogen Welt begonnen hatten. Empirisch ist das belegt – in einer Studie der University of Chicago, die immerhin 19'000 Paare befragte. Logisch leuchtet es auf Anhieb ein. Die Beziehungsforschung sagt seit je, Menschen mit ähnlichen Merkmalen der Persönlichkeit verstehen sich besser.

Und Algorithmen fischen diese Ähnlichkeit verlässlicher heraus als Menschen. Sie sind ja nicht beteiligt, nicht befangen, sie lassen sich durch keinen romantischen Blick erweichen. Sie sortieren zusammen, was zusammenpasst, basta. Der Rest fällt durch.

So entsteht die passgenaue Paarung. Null Reibung, vermutlich nie Scheidung. Gleicher Job, gleiches Hobby, gleicher Geschmack. Volles Verständnis hin wie her. Aber null Romantik, fürchten Kritiker. Nicht zwingend, die kann auch so erwachen. Und wird nicht dauernd ruiniert durch blöde Missverständnisse. Symmetrie ist praktisch, jedenfalls für Leute, die auch zu zweit gern ihre Ruhe haben. Andere ziehen Asymmetrie vor. Sie suchen gerade nicht einen Partner, der in jeder Hinsicht so tickt wie sie selber. Sie suchen Bereicherung, sozusagen Befreiung von sich selbst. Jedenfalls keinen gleichartigen Partner. Stellen wir uns vor: Wir tippen 72 Eigenschaften unserer idealen Geliebten online ein, automatische Verfahren screenen in Sekunden ganze Datenozeane ab – und gleich steht die Gesuchte offline vor uns. Die Geliebte on demand, perfekt – bis wir die Augen reiben: Was ich da sehe, das bin ja ich selber. Mein Bestellzettel.

Flirt ohne Angst? Es ist die Angst, die uns aus dem Alltag wirft

Das Verfahren liesse sich natürlich komplizieren. Man könnte einen Teil Zufall hineinmischen, einen Drittel Asymmetrie oder so. Doch warum dann nicht gleich zurück auf analog? Hier spukt der Zufall garantiert, etwa beim guten alten Flirt in der Bar, braucht Zeit, klar, Geduld in Trial & Error, mit etwas Glück aber passiert eines Abends der Wahnsinn, auf den ersten Blick nicht mein Wunschzettel, eher zu gross, zu laut – doch gegen Mitternacht …

Macht des Schicksals. Dating-Apps versprechen gern Abenteuer. Tatsächlich versichern sie gegen Unsicherheit. Mathematik als erotische Risikominderung. Flirt ohne Angst? Es ist die Angst, die uns aus dem Alltag wirft. Menschliche Affären sind kompliziert, man kann sie nicht berechnen. Mit dem Flirt ist es wie mit Partys: Die ungeplanten sind die besten. Glück auf Bestellung? Arthur Schnitzler: Glück ist, was die Seele durchrüttelt. Nicht, was sie befriedigt.

Mit dem Navi landen wir, wo wir hin wollten. Woher aber wissen wir so genau, wohin wir wollen? Siehe Harry & Meghan: Hallo Zufall! Überraschung! Glück! Ohne Garantie.