Analyse

Chaostruppe als Ausnahme

«Als ich das Lied hörte, war ich schockiert»: SVP-Nationalrätin Natalie Rickli.

«Als ich das Lied hörte, war ich schockiert»: SVP-Nationalrätin Natalie Rickli.

Die Schlagzeile war gross, die Empörung auch: Eine linke Berner Rapgruppe mit dem vielsagenden Namen Chaostruppe hat SVP-Nationalrätin Natalie Rickli in einem Song auf obszöne Art und Weise beleidigt. Vergangene Woche wurden die fünf Musiker gemäss «SonntagsBlick» zu einer bedingten Geldstrafe von einigen hundert Franken verurteilt, von Verleumdung und sexueller Belästigung hingegen freigesprochen.

Rickli hatte Strafanzeige erstattet, nachdem sie 2016 auf das Video aufmerksam gemacht worden war. Sie sei schockiert gewesen, als sie die Mundartreime hörte. Im Track wird sie konsequent beleidigt und obszön angegangen, als «Schlampe» bezeichnet, zum Oralverkehr aufgefordert. Das ist so geschmacklos und daneben wie wenn eine selbst ernannte Volkspartei im Wahlkampf einen K.-o.-Tropfen-Shot ausschenkt.

Nun wissen wir: Rap ist eine Kunstform, in der man gerne mit harten Bandagen gegeneinander antritt. Das Runtermachen hat Tradition, das zeigt allein die Tatsache, dass es der Begriff «dissen» (schmähen) in den Duden geschafft hat. «Battles» heissen die Kämpfe, die auf der Bühne und im Studio verbal ausgetragen werden. Entsprechend sportlich sehen es manche Rapper, wenn eine Combo mit dem verbalen Zweihänder ausholt. In den USA kursieren schliesslich auch Hunderte Tracks, in denen Donald Trump alles Wüste angedichtet wird.

Unter der Gürtellinie

Doch so einfach ist es in diesem Fall tatsächlich nicht. Der Kampf wird nicht auf Augenhöhe ausgefochten, sondern mit Mitteln des Sexismus: plump, primitiv, unter der Gürtellinie auf die Frau gespielt. Nicht mit feiner Klinge, sondern mit chauvinistischer Gewaltfantasie. So verachtenswert wie der Satz eines Mächtigen, der kürzlich um die Welt ging: «Grab her by the pussy».

Stellt sich die Frage: Tut sich der Schweizer Rap schwer damit, wenn es darum geht, die Arbeit von Politikern smart anzuprangern? Es gibt durchaus intelligente Texte, von Greis, Kutti MC oder Tommy Vercetti, um einige Namen zu nennen. Ganz generell unterschätzt man zudem, dass das Politische oft gar nicht im Inhalt spürbar ist, sondern in der Form des Hip-Hop, dieser Kunstform, die in den 80er-Jahren die Schweiz erreichte und seither Tausenden Jugendlichen Mut machte, sich auszudrücken: Sei es durch Musik, Reime, Tanz, Graffiti. «Du bist ein Aussenseiter, wir alle auch» hiess es in den Jugendhäusern, wo die ersten Raps der Schweiz entstanden und en passant zahlreiche Söhne und Töchter von Migranten integriert wurden. Eine Community, in der alle Ethnien Platz fanden in der multikulturellen Schweiz.

Heterogene Szene

Angesichts eines Einzelfalls eine ganze Subkultur infrage zu stellen, in Sippenhaft zu nehmen, wäre heuchlerisch: Auch weil es den Schweizer Rapper gar nicht gibt. Stress wuchs ebenso mit Hip-Hop auf wie Brandhärd, Bligg, Nemo oder Steff La Cheffe. Die Szene ist so heterogen wie die Fankurve in einem Fussballstadion. Doch fokussiert sich auch dort das öffentliche Interesse voreilig auf den Hooliganismus, ungeachtet der Tatsache, dass sich ein Grossteil der zig tausend Matchbesucher zivilisiert verhält und einen kulturellen Mehrwert schafft: von der Choreografie und den Chören spricht niemand, wenn am Ende ein paar Vermummte einen Zug blockieren. Auch wenn man sich dafür fremdschämt: Alle Fussballfans in einen Topf zu werfen, würde der Sache nicht gerecht. Ebenso verhält es sich mit der Rapszene.

Was viele Musiker nun stören dürfte: Dass die schlechten Verse einer solchen Formation grössere Beachtung erhalten als die schlauen Gedanken der echten Talente. Auch da müssen sich die Medien selber in die Pflicht nehmen, die Radios und die Zeitungen: Man wünschte sich, sie würden den schlauen, den virtuosen Reimern dieses Landes, von denen es in der Rap- wie auch in der Slam-Poetry-Szene zahlreiche gibt, gleich viel Platz einräumen, gleich grosse Buchstaben kredenzen wie den kleinen Skandalen, die ohne den medialen Lautsprecher vielleicht gar nicht erst ein Publikum erreichen würden. Dann würde man nicht ein schiefes Bild erhalten, sondern ein umfassenderes. Denn Ausreisser gibt es auch nach oben. Nehmen Sie Laurin Buser als Beispiel. Der 25-jährige Baselbieter wurde vom deutschen Rapstar Samy Deluxe unter Vertrag genommen, konnte diesen im Frühjahr auf Tour begleiten und trat in deutschen Hallen auf. In seiner Heimat wurde das noch kaum zur Kenntnis genommen. Im Gegensatz zur Chaostruppe. Höchste Zeit, das zu ändern.

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