Gastkommentar

Dass viele Kinder nicht mehr als «normal» gelten, sollte uns zu denken geben

Margrit Stamm: «Inzwischen gibt es allerdings mehr therapierte als gesunde Kinder.» (Symbolbild)

Margrit Stamm: «Inzwischen gibt es allerdings mehr therapierte als gesunde Kinder.» (Symbolbild)

Immer mehr Kinder erhalten eine Diagnose. Man darf das nicht bagatellisieren, denn eine Diagnose – ob sie zutrifft oder negativ ausfällt – bleibt nicht ohne Folgen.

Alles wollen wir sein – nur nicht normal. Das gilt auch für den Nachwuchs. Klärt die Psychologin die Eltern auf, ihr Kind sei nicht so speziell, sondern normal, sind viele enttäuscht. Verständlich, denn die Pädagogik plädiert für die Einzigartigkeit jedes Kindes. Inzwischen gibt es allerdings mehr therapierte als gesunde Kinder.

Was ist normal? In der Öffentlichkeit ist die Definition kein Problem. «So ein Kind wie dieses ist doch nicht normal», gilt als selbstverständliches Deutungsmuster des gesunden Menschenverstandes, wie man Kinder voneinander unterscheiden kann. Dies führt allerdings zu einer Zweiteilung in «normale» und «abweichende», in Kinder ohne und mit Therapie. Weil es in der zweiten Gruppe so viele sind, ist die Abweichung von der Norm zur Regel geworden.

Wer Therapie sagt, weiss in der Regel, was Diagnose bedeutet und kann deshalb auch definieren, was normal ist. Die Statistik mit der Gauss'schen Glockenkurve ist dafür bestens gerüstet. Machen wir uns die Mühe, die Ausprägung eines Merkmals, beispielsweise der Intelligenz, zu messen, tritt etwas Bemerkenswertes ein. Die Summe der Messwerte ergibt die absolut vorhersagbarste und schönste Kurve, die Glocke und damit die Normalverteilung. Das heisst: Intelligenz gruppiert sich um die Mitte, während sich die Ausreisser symmetrisch auf beiden Seiten anordnen.

Leider kann die Glockenkurve nur in der Theorie ein Wegweiser sein, wann ein Merkmal normal ausgeprägt ist und wann nicht. In der Praxis hat das Normale weitaus unschärfere Grenzen, daran kann auch die Glockenkurve nichts ändern. Durch Testen allein ist noch lange nicht eindeutig, wo die Trennlinie zur Abgrenzung des Normalen vom Abweichenden gezogen werden soll. Da der Übergang fliessend ist, entscheidet meist der Kontext über die Diagnose, also die Erwartungen des Umfelds und die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen.

Deshalb ist die Entscheidung hochsensibel, was nicht normal ist. Das Verhalten eines Kindergärtlers, der nicht lange genug ruhig sitzen kann und manchmal zappelig wirkt, wird der deutschen KIGGS-Studie zufolge oft als Warnsignal für ADHS verstanden. Kaum berücksichtigt wird dabei die Tatsache, dass sich der Kindergarten in Richtung schulähnliches Lernen verändert hat und aufgrund des früheren obligatorischen Schuleintritts von zunehmend jüngeren Kindern besucht wird.

Aus einer entwicklungspsychologischen Perspektive legitimieren sich deshalb frühe ADHS-Diagnosen kaum, weil der Grossteil der Kinder allein aufgrund ihres Alters noch nicht in der Lage ist, längere Zeit still zu sitzen. Anstatt solches Verhalten einfach als Vorform einer Verhaltensstörung zu bezeichnen, wäre es für Lehrkräfte, Eltern und ihr Kind angemessener, das Schuleintrittsalter zu überdenken.

Fast jedes Kind ist von Natur aus dazu angelegt, sich ordentlich zu entwickeln, aber zu kompliziert, um immer und in jeder Struktur perfekt zu funktionieren. Wenn eine Diagnose nicht zwischen Entwicklungsvariante, Reifungsphänomen und Verhaltensstörung unterscheidet, geht der Bezug zur Normalität verloren.

Die Diskussion, was normal ist und was nicht, lässt zwei wichtige Aspekte vermissen. Erstens ist nicht die Therapeutisierung der Kinder das Hauptproblem, sondern die Bagatellisierung der Tatsache, dass jede Diagnose – richtig oder falsch – etwas auslöst. Damit verbunden ist der zweite Aspekt: dass auch dann, wenn eine Diagnose eindeutig eine Therapie erfordert, eine Good Practice möglich ist. Therapeutinnen und Therapeuten handeln professionell, wenn sie den Fokus auf die Stärkung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale des Kindes richten und nicht nur auf seine Defizite. Jenseits der diagnostizierten Probleme ermöglichen sie ihm, auf andere Fähigkeiten stolz sein zu dürfen.

Kinder haben sich wenig verändert, heute werden lediglich mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt, so dass Ausreisser nach oben und unten zurechtgestutzt werden. Sind Kinder wirklich unsere Zukunft? Dann ist nicht nur jeder Rettungsversuch der Normalität richtig, sondern dringend notwendig.

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