Händedruck-Debatte

Der ganze Körper als Schambereich

Zwei muslimische Schüler verweigerten einer Lehrerin den Handschlag. (Symbolbild)

Zwei muslimische Schüler verweigerten einer Lehrerin den Handschlag. (Symbolbild)

Als Schüler - aus religiösen Gründen - einer Lehrerin in Therwil BL nicht die Hand schütteln wollten, sorgte das wochenlang für Schlagzeilen. Der Gastkommentar von Philosophie-Professorin Dagmar Fenner.

Wochenlang hat das Verweigern des Händedrucks zweier muslimischer Schüler für Schlagzeilen gesorgt. Während für die einen die Schweizer Kultur auf dem Spiel stand, mahnten die anderen zu mehr Gelassenheit und Toleranz gegenüber fremden religiösen Kulturen bei Abweichungen von unbedeutenden Konventionen. Doch wo liegen die Grenzen religiöser Toleranz, wenn man das blosse Nebeneinanderherleben verschiedener Kulturen und Parallelgesellschaften vermeiden will?

Eine gelungene Integration setzt zwar nicht die vollständige Anpassung und die Aufgabe der eigenen kulturellen Identität voraus. Auch in einer kulturell heterogenen Gesellschaft braucht es aber einen Grundbestand geteilter Kultur. Dieser umfasst eine einheitliche Sprache, ein allgemein anerkanntes Gesetz sowie auch gemeinsame Werte und moralische Normen, die das Zusammenleben regeln. Trotz einesverbreiteten Irrtums reicht das rein äusserliche, mechanische Befolgen der im jeweiligen Land geltenden Gesetze nicht aus. Damit alle sich als Teil einer umfassenden sozialen Gemeinschaft empfinden und eine nationale Identität entwickeln können, braucht es darüber hinaus eine «normative Integration»: die Verinnerlichung der Grundwerte der Zivilgesellschaft. Dazu gehören in westlichen Demokratien etwa grundlegende Freiheits- und Menschenrechte und die säkulare Trennung von Religion und Politik.

Auf den ersten Blick gehört das Händeschütteln kaum zum Grundbestand geteilter Kultur, sodass eine Verweigerung durch das Recht auf Religionsfreiheit hinreichend gedeckt scheint. Wie der behördliche Beschluss zu Recht hervorhob, sind jedoch beim Händedruck anders als etwa beim Kopftuchtragen Lehrpersonen und Mitschüler direkt «in eine religiöse Handlung einbezogen». Da nur den weiblichen, nicht aber den männlichen Lehrpersonen der Händedruck verweigert wird, ist die Gleichstellung von Mann und Frau bedroht. Aus säkularer Sicht handelt es sich um eine Diskriminierung der Frauen, weil es keinen nachvollziehbaren Grund für diese Ungleichbehandlung gibt. Viele Religionen, darunter auch Judentum und Hinduismus, verweisen zwar auf heilige Schriften oder Handlungen und Aussagen der Propheten als religiöse Gründe, wieso Berührungen zwischen den Geschlechtern zu vermeiden sind. An solchen theologisch durchaus kontroversen Debatten können sich Andersgläubige aber kaum beteiligen, sodass das Gespräch oft an dieser Stelle abbricht. So geschah es offenbar beim Versuch des Schulleiters, mit dem streng religiösen Vater der Schüler zu sprechen. Diskussionswürdig ist allerdings die Verteidigung der Schüler, gerade durch das Berührungsverbot die Würde der Frau zu schützen. Nach gewissen extremen religiösen Überzeugungen sind Frauen eine ständige Verführungsgefahr der zur Kontrolle ihrer sexuellen Triebe unfähigen Männer und können ihre Würde nur durch vollständiges Verhüllen ihres Schambereichs wahren, der bei der Frau fast den ganzen Körper umfassen soll. Sind solche religiösen Überzeugungen unter stark veränderten historisch-
kulturellen Rahmenbedingungen haltbar?

In liberalen säkularen Demokratien erfolgt die Organisation des Gemeinwesens auf der Grundlage von öffentlichen Diskussionen und Meinungsbildungsprozessen. Sobald es um die Gestaltung des Zusammenlebens geht, haben auch religiöse Menschen eine moralische Pflicht zum «öffentlichen Vernunftgebrauch» (John Rawls). Sie können sich nicht einfach auf eine Tradition oder eine Fatwa ihrer Religionsgemeinschaft berufen. Religiöse Gründe sind nur dann zulässig, wenn sie sich in säkulare, von allen nachvollziehbare Argumente übersetzen lassen.

Religiöse Überzeugungssysteme stehen in modernen pluralistischen Gesellschaften nicht weniger unter einem Rechtfertigungs- und Reflexionsdruck als alle anderen auch. Höchst problematisch ist ein unreflektierter Umgang mit religiösen Vorschriften, die im Beispiel der beiden Schüler aus einer Internet-Predigt entnommen und mit der Meinung des Vaters abgeglichen wurden. Ein demokratischer Rechtsstaat darf von autoritären fundamentalistischen Religionsrichtungen durchaus eine Umorientierung erwarten, wenn sie von ihren Mitgliedern einen unbedingten Gehorsam gegenüber religiösen Dogmen und Anweisungen verlangen. Ein stures Festhalten an scheinbar unfehlbaren religiösen Fundamenten als Orientierung für die gesamte Lebensführung verhindert die notwendige Aktualisierung und Vermittlung einer Religion mit der vorfindlichen Kultur und unterhöhlt das demokratische Prinzip öffentlicher Rechtfertigung.

Ein friedliches Zusammenleben von religiösen und nichtreligiösen Menschen wird nicht schon durch rechtliche Regelungen in konkreten religiösen Konflikten garantiert, im aktuellen Fall etwa dem Einfordern des Händedrucks von Schulen unter Strafandrohungen. Notwendig sind vielmehr interreligiöse und interkulturelle Verständigungsprozesse und öffentliche Diskussionen über positive und gefährliche Potenziale von Religionen und ihre Stellung in säkularen demokratischen Gesellschaften. Um die Verschärfung religiöser Konflikte und eine Segregation religiöser Gruppen zu vermeiden, braucht es eine Kultivierung und «Bildung der
Religion» (Rolf Schieder). In Richtung auf eine fortschrittliche, humanitäre Religion, die das selbstständige kritische Denken und die Mündigkeit der Gläubigen fördert – gerade auch der Jugendlichen als zukünftigen Bürgern.

Die Autorin ist Titularprofessorin für Philosophie der Universität Basel und hat soeben das Buch «Religionsethik» im Kohlhammer-Verlag veröffentlicht.

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