Natürlich werden am WEF, dem Treffen von 3000 Entscheidungsträgern, die grossen Probleme der Welt nicht gelöst. Auch wenn der Anspruch von Gründer Klaus Schwab lautet: «Den Zustand der Welt verbessern». Doch das WEF ist gut darin, Probleme zu identifizieren und auf die politische Agenda zu setzen.

Das ist nicht wenig und eine Voraussetzung dafür, Lösungen zu entwickeln. Und weil sich in Davos viele kluge Leute austauschen – darunter eine ganze Schar Nobelpreisträger –, müsste man meinen, dass in der Bergluft die richtigen Probleme besonders früh erkannt und diskutiert werden.

Am Ende dieser Woche bleibt eine Haupterkenntnis: Neuerdings wird China von den «Davos Men» vor allem als Gefahr gesehen. Das Riesenland, eben noch hofiert von den westlichen Unternehmen und auch vielen Regierungen, ist der neue Bösewicht. Auf die Agenda gesetzt wurde dieses Thema allerdings nicht von den klugen Köpfen am WEF. Sondern von einem Anti-Intellektuellen, vom bekanntesten Gegner der Eliten: von US-Präsident Trump, dem grossen Abwesenden.

Sein Mantra – China die Stirn bieten, sich im Freihandel nicht alles gefallen lassen – teilen inzwischen fast alle, abgesehen von den Chinesen selbst. Trump war der heimliche, der seltsame Held von Davos.

Am offensichtlichsten wurde dies beim Auftritt von WEF-Stammgast George Soros, dem legendären Investor, der sein Leben dem Kampf für die offene Gesellschaft verschrieben hat und darum zum Feindbild geworden ist von Trump, Orbán, Bolsonaro & Co. Ausgerechnet Soros sagte klipp und klar, Trump liege mit seiner China-Politik richtig. Man müsse unterscheiden zwischen der Person Trump, die er verabscheue, und der Politik der Regierung, die er unterstütze.

George Soros, 88-jährig, stellte seine China-Kritik in den ganz grossen historischen Kontext: Der Ungar schlug einen Bogen von der Verfolgung seiner Familie durch die Nazis über die Schreckensherrschaft der Kommunisten in der Sowjetunion bis zu George Orwells Vision von der Totalüberwachung des Bürgers («1984»). «Heute stellt China die grösste Gefahr für unsere offenen Gesellschaften dar, ja es bedroht deren Überleben», sagte Soros.

Es ist die Kombination aus autoritärem Regierungssystem und der Fähigkeit, neue Technologien wie künstliche Intelligenz zu nutzen, die China für Soros so gefährlich macht. Das führe zum perfekten Überwachungsstaat. Wenn China damit Erfolg habe, werde es dieses System in den Rest der Welt exportieren, lautet die finstere Prognose.

Das klingt überzogen und ist es hoffentlich auch, aber in der Stossrichtung ist die Anti-China-Allianz sehr breit. In Davos warnten der US-Wirtschaftswissenschafter und Nobelpreisträger Robert Shiller ebenso wie der Blackrock-Banker Philipp Hildebrand, ehemaliger Schweizer Nationalbankchef, vor der Dominanz Chinas. Hildebrand fürchtet, Europa werde zu einer «digitalen Kolonie Chinas».

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, Europas Länder hätten angesichts der aufstrebenden Wirtschafts- und Technologiemacht China nur dann eine Chance, wenn sie ihre Kräfte bündeln und gemeinsame Lösungen finden.

China bleibt eine grosse Chance – gerade auch für die Schweiz

Und so wurde die China-Kritik zu einem Top-Thema am WEF, neben der Frage, ob die Weltwirtschaft innerhalb der nächsten zwei Jahre in eine Rezession schlittert oder nicht (und auch hier landete man bei China: Wie es mit der Konjunktur weitergeht, hängt vor allem vom Verlauf des Handelskonflikts ab). Warum bloss, fragte man sich als Zuhörer, spricht die hier versammelte Elite erst jetzt darüber? Warum brauchte es einen Simpel wie den krawallfreudigen Trump, bis das Problem auf die Agenda kam? Warum hat dies nicht schon sein Vorgänger Obama getan?

Fairerweise muss man anfügen, dass Ökonomen und Historiker in Davos schon länger vor Chinas Ambitionen warnten. Meist sprachen sie allerdings nicht im Hauptsaal, sondern in Nebenräumen. Und vor allem: Die Politik foutierte sich darum. Dabei ist rückblickend allen klar, dass es die USA waren, die China vom Bauernstaat zur Supermacht gemacht haben, indem sie für die Waren, die sie importierten, Trillionen von Dollar überwiesen haben und dies noch immer tun.

Bei allem China-Bashing darf man aber nicht vergessen, dass weiterhin auch richtig ist, was in den Jahren zuvor am WEF erzählt wurde und auch diesmal, wenn auch leiser, zu hören war: Das einwohnerstärkste Land der Welt bleibt eine grosse Chance, gerade für kleine Volkswirtschaften wie die Schweiz, die gegenüber allen grossen Wirtschaftsblöcken offen sein müssen.

Unser Tourismus und die Exportindustrie profitieren von China. Doch die Politik sollte auch hierzulande kritischer werden – und beispielsweise gleich lange Spiesse einfordern, wenn es um Investitionen von Schweizer Firmen in China geht. Die Zeit ist vorbei, sich von China, das längst kein Entwicklungsland mehr ist, alles bieten zu lassen.