Kommentar

Die bittere Erkenntnis zu den neuen Coronamassnahmen: Diese Situation wäre vermeidbar gewesen

Patrik Müller

Reichlich spät ergreift der Bundesrat neue Massnahmen, um die Zahl der menschlichen Kontakte zu reduzieren. Das wurde unumgänglich. Denn zu viele Menschen hatten sich verantwortungslos verhalten.

Keine Veranstaltungen mehr mit über 50 Personen, keine kulturellen und sportlichen Freizeitaktivitäten mit über 15 Personen, Restaurants und Bars um 23 Uhr zu, Tanzverbot, Ausweitung der Maskenpflicht. Diese und weitere Massnahmen gelten ab morgen.

Es fällt auf, dass die Einschränkungen die Freizeit und das kulturelle Leben betreffen, weniger den Berufsalltag und die Wirtschaft (mit Ausnahme der Gastronomie). Das ist einerseits nachvollziehbar: Der Bundesrat ist darauf bedacht, die wirtschaftlichen Aktivitäten soweit wie möglich weiterlaufen zu lassen und so Arbeitsplätze zu sichern. Andererseits ist es äusserst schmerzlich: Die Menschen brauchen nicht nur Arbeit. Wir verkümmern ohne Kultur, ohne Veranstaltungen, Theater, Museen und Kleinkunst. Und dieser Teil unseres Lebens wird jetzt abgewürgt.

Der Bundesrat hatte gar keine andere Wahl, als neue Verschärfungen zu verfügen. Nach dem starken Anstieg der Neuinfektionen und der Spitaleinweisungen waren sie unumgänglich geworden. Heute wurden erstmals mehr als 8000 neue Coronafälle gemeldet; ohne zusätzliche Massnahmen würden die Spitalbetten in den Intensivstationen bereits in zehn Tagen knapp.

Die vielleicht bitterste Erkenntnis lautet: Die beunruhigende Lage, wie sie sich jetzt präsentiert, wäre vermeidbar gewesen. Den ganzen Sommer durch blieben die Infektionszahlen tief, ja noch vor einem Monat wurden nur 100 bis 300 Coronafälle pro Tag registriert. In dieser fast normalisierten Phase hätte die Schweiz tun müssen, was Länder wie China oder Südkorea konsequent getan haben: Testen, testen, testen und Infizierte konsequent isolieren, dazu ein Contact-Tracing aufbauen, das auch bei den absehbar höheren Fallzahlen in der kälteren Jahreszeit nicht kollabiert. Das haben die Behörden unterlassen - und ein erstes Mal Zeit verspielt.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und Gesundheitsminister Alain Berset informieren über die neusten Coronamassnahmen.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und Gesundheitsminister Alain Berset informieren über die neusten Coronamassnahmen.

Als dann die Fälle scheinbar aus dem Nichts zu explodieren begannen - am 5. Oktober waren es erstmals über 1000 Neuinfektionen, am 15. Oktober bereits über 3000 - passierte: Nichts. Der Bundesrat appellierte («es ist fünf vor zwölf»), die Kantonsregierungen diskutierten und koordinierten. Ein zweites Mal wurde Zeit verspielt.

Erst am Sonntag, 18. Oktober, nahm der Bundesrat das Heft in die Hand, dann wartete er erneut, während andere Länder längst reagiert hatten. Ein drittes Mal wurde Zeit verspielt. Mit dem Resultat, dass die Schweiz - eben noch Corona-Musterschüler - weltweit auf den unrühmlichen vierten Platz bei den Neuinfektionen aufstieg, gemessen an der Bevölkerungszahl. Sogar in Trumps Amerika liegen die Fallzahlen tiefer.

«Wir haben keine Zeit zu verlieren», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga am Mittwoch. Als wäre das nicht bereits passiert. Keine grosse Hilfe war auch die vielzitierte Wissenschafts-Taskforce des Bundes. Noch vor drei Wochen verbreitete sie ein Papier, das bloss warnte und nicht sagte, was zu tun wäre. Kurz danach äusserten sich dann einzelne Mitglieder auf einmal alarmistisch und widersprüchlich - eine Kakophonie sondergleichen.

Die Schuld einfach bei Behörden und Wissenschaftern zu suchen, wäre aber falsch. Nicht sie verbreiten das Virus, sondern all jene Menschen, die sich allzu sorglos oder gar fahrlässig verhalten. Es darf nicht sein, dass Hochzeiten, Schifffahrten oder Chorproben zu Superspreader-Events werden.

Es waren bloss Minderheiten, die so handelten. Nun muss die ganze Bevölkerung dafür bezahlen - mit den neuen Einschränkungen, die dem Hintersten und Letzten klar machen sollten, wie Ernst die Lage ist.

Viel Zeit wurde verspielt, aber zu spät ist es noch nicht. Die Schweiz hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt - die Voraussetzungen sind vorhanden, die kommenden Wochen gut zu überstehen. Wir alle müssen nun unseren Teil dazu beitragen. Nicht Verordnungen können die Pandemie zurückdrängen, sondern allein das verantwortungsvolle Verhalten jedes einzelnen Menschen.

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