Apropos

Die Fernwette gilt ...

Bei Zeitintervallen treibe ich gern ein Spiel, das ich «Fernwette» nenne (Psychologen treiben Ferndiagnosen). Nicht um die Zeit zu vertreiben, eigentlich, um den Dingen Zeit zu lassen. Der beste Ort für Fernwetten sind Bahnhöfe. Da kommen und gehen Leute, Leben ist Pendeln. Man kann die Leute betrachten, aus Indizien sozusagen ein Schicksals-Hologramm für sie entwickeln. Und dann wetten, was mit ihnen passieren wird.

Beispiel: Ein Mann sitzt auf der Bank und klackert auf der Tastatur des Tablets. Natürlich brabbelt er auch in ein Tropfenmikrofon am Kinn, Kopfhörer im Ohr. Der Mann trägt sauberen Scheitel, sauberen Mantel, saubere Schuhe – am Finger steckt ein Ehering. Als der Zug einfährt, klappt er das Tablet zu und hastet zur Perronkante. Zunächst quillt eine Pendlertraube aus dem Waggon, ehe die Traube davor sich reinwälzen kann. Der eifrigste Vordrängler unter allen, hypernervös wegen der paar Sekunden Warterei, ist – natürlich – unser Mann mit Scheitel. Drin stürzt er ins erste freie Abteil und klappt im Absitzen schon das Tablet auf, um ohne Verzug weiterzudaddeln. Dermassen unsouverän, ohne coolen Abstand zu sich selber, abhängig von tausend Fremdimpulsen, verheddert in tausend Fäden, dass er plötzlich als die bejammernswerteste Kreatur erscheint.

Und jetzt die Fernwette: Jene Frau, die an seinem Ring hängt, wird sich, wenn er befördert wird im Büro, von ihm trennen.

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