Kundgebungen

Die Kraft der Strasse

Kundgebung zum nationalen Frauenstreik in St. Gallen.

Kundgebung zum nationalen Frauenstreik in St. Gallen.

Im digitalen Zeitalter geschehen die wesentlichen Dinge nicht mehr physisch, sondern über das Smartphone: Die Parteien setzen auf Influencer statt auf Wahlkampf im «Rössli», Politiker nutzen Social Media, um sich Geltung zu verschaffen. Von der «Vereinzelung» der Gesellschaft sprechen Soziologen, weil wir immer mehr Zeit im Netz verbringen – allein.

Massendemonstrationen wollen so gar nicht in diese Zeit passen: Menschen entfernen sich von der Reichweite ihres WLAN und gehen nach draussen – gemeinsam. Die vergangenen Tage haben gezeigt, welche Wucht die physische Ansammlung von Bürgerinnen und Bürgern haben kann.

In Hongkong brachten mehr als eine Million Demonstranten die Regierung dazu, ein Gesetz zur Auslieferung mutmasslicher Straftäter an China auszusetzen. Damit hatte niemand gerechnet. In Frankreich veränderten die Gelbwesten den Kurs des Präsidenten Emmanuel Macron entscheidend. In ganz Europa setzten die Klima-Demonstrationen ein Thema auf die Agenda, das zuvor nur am Rande interessierte. Und der Frauenstreik in der Schweiz – er hatte historisches Ausmass: Womöglich gingen hierzulande noch nie an einem Tag so viele Menschen auf die Strasse wie am Freitag, nämlich über eine halbe Million. Dass tags darauf Economiesuisse bekannt gab, man wehre sich nicht mehr gegen eine weiche Frauenquote für Verwaltungsräte, ist eine erste Folge davon.

Im Herbst sind Wahlen. Werden mehr Frauen ins Parlament einziehen? Die Antwort darauf wird zeigen, wie nachhaltig der Frauenstreik wirklich war.

patrik.mueller@chmedia.ch

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