Kommentar

Die Reformierten sind bei der «Ehe für alle» mutiger als die Katholiken

Tobias Bär: «Dass sich die Reformierten mit der ‹Ehe für alle› schwertun, ist nachvollziehbar. Das traditionelle Familienverständnis ist in der Kirche tief verankert.» (Archivbild)

Tobias Bär: «Dass sich die Reformierten mit der ‹Ehe für alle› schwertun, ist nachvollziehbar. Das traditionelle Familienverständnis ist in der Kirche tief verankert.» (Archivbild)

Der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher, nimmt klar Stellung zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Damit zeigt er der katholischen Kirche, wie es geht.

Unter den grossen Parteien herrscht Konsens: Mit Ausnahme der SVP sind sie alle für eine Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Der Evangelische Kirchenbund hingegen hat es nicht geschafft, rechtzeitig Stellung zur Gesetzesvorlage zu nehmen.

Dass sich die Reformierten mit der «Ehe für alle» schwertun, ist nachvollziehbar. Das traditionelle Familienverständnis ist in der Kirche tief verankert. Ein Teil der reformierten Basis übt Widerstand gegen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, für die es keine biblische Begründung gebe. Viele Kirchenmitglieder gewichten aber die gelebten Werte stärker als die biologischen Faktoren. Was zählt, ist die Liebe – unabhängig davon, ob aus ihr neues Leben entstehen kann.

Die Kirchen stehen vor einem Dilemma. Wie stark will sich eine Institution, die sich vor allem auch durch ihre Beständigkeit auszeichnet, den gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen – und damit allenfalls einen Teil der Gläubigen vor den Kopf stossen?

Ein Ausweg böte eine vage Stellungnahme ohne klaren Positionsbezug. Diesen Weg geht die Bischofskonferenz. Zwar führen die Bischöfe mehrere Gründe gegen die «Ehe für alle» an, argumentieren unter anderem mit dem Kindeswohl. Trotzdem scheuen sie sich davor, die Gesetzesvorlage zur Ablehnung zu empfehlen. Dies mit der Begründung, die zivilrechtliche Ehe gehöre nicht in den Zuständigkeitsbereich der katholischen Kirche.

Dieses Herumeiern ist für den Präsidenten des Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher, keine Option. In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagt der oberste Protestant, die Stellungnahme des Evangelischen Kirchenbundes müsse trotz des Spaltungspotenzials des Themas eindeutig sein. Damit liegt Locher richtig. Es geht um das Eheverständnis und damit um eine zentrale kirchliche Frage.

Locher selber hat seine Karten schon offengelegt und sich für die Ehe für Homosexuelle ausgesprochen: «Wenn sich der Staat zur gleichgeschlechtlichen Ehe hin öffnet, sehe ich keinen Grund, warum wir ihm nicht folgen sollten.» Eine solch klare Ansage – und sei es ein klares Nein – wünscht man sich auch von den Bischöfen. Getreu dem Matthäus-Evangelium: «Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein.»

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