Pierre Maudet, beim Lügen erwischter (Noch-)Staatsrat aus Genf, hat sich kürzlich in seiner «Blick»-Kolumne unter dem Titel «In vino veritas» köstlich verheddert. Er verglich die Wahrheit mit dem Bouquet des Weins: Sie sei komplex. Und die Weinlese sei die alljährliche Erkenntnis, dass man Kraft schöpfen müsse. «Kraft, um sich einer komplexen Realität zu stellen, in der die Wahrheit nicht immer auf den ersten Blick sichtbar ist.»

Naja, abgesehen davon, dass er eher ein komplexes Verhältnis zur Wahrheit hat, hat er auch keine Ahnung von Weinbau. «Mein» Winzerpaar, bei dem ich die Ehre habe, bei der Weinlese mithelfen zu dürfen, würde dem verkopften Herrn Alt-Bundesratskandidaten zurufen: Schon mal eine Rebschere in der Hand gehabt? Schon mal tonnenweise Plastikkisten geschleppt? Schon mal abends spät sämtliche Behälter, Werkzeuge und Maschinen geputzt, um für den nächsten Tag bereit zu sein? Und vor allem: Schon mal schlaflose Nächte gehabt, in Angst vor Frost und Hagel und in Sorge, den richtigen Erntezeitpunkt zu verpassen? Schliesslich geht es darum, das Traubengut – das Auskommen für ein ganzes Jahr– in optimaler Verfassung in den Keller zu führen. Das kostet Kraft.

Nein, die Wahrheit liegt nicht im Wein. Im Wein liegt sehr viel Arbeit. Und Fachwissen. Und Leidenschaft. Und Ehrlichkeit. Wie soll das ein Maudet auch verstehen?