Kolumne

«Du kommst da nicht rein!»

Früher hat man einem forschen Duzer gesag: «Wann haben wir zusammen Schweine gehütet?»

Früher hat man einem forschen Duzer gesag: «Wann haben wir zusammen Schweine gehütet?»

Wann soll, darf, kann man einen andern Menschen duzen? Duzt man schneller in der nüchternen, steiferen Deutschschweiz oder in der leichtlebigeren, lockereren Westschweiz? Falsch geraten! Die Westschweizer sind zwar in vielem lockerer als die Deutschschweizer, aber beim Duzen sind sie durchweg steifer, vielleicht kann man es auch respektvoller nennen. Das mag damit zu tun haben, dass die Westschweizer stark beeinflusst sind von der Kultur Frankreichs mit ihrer stark hierarchisch strukturierten Unternehmenskultur und der Tradition, aristokratische Höflichkeits- und Umgangsformen zu pflegen. Es gibt sehr viele vornehme Familien in Paris, aber selbst in Genf und Lausanne, in denen die Kinder ihre Eltern siezen. Solche junge Leute haben auch Mühe, ihren Chef zu duzen, selbst in den Medien, wo lockerer Umgang herrscht. Ich hatte als Chefredaktor von «Le Matin» nicht weniger als drei Volontärinnen, die mir sagten, sie blieben lieber beim Sie, als ich ihnen nach der Probezeit wie üblich das Du anbot. Ich durfte nicht beleidigt sein. In der Westschweiz sieht man noch täglich Todesanzeigen in den Zeitungen, in denen das Ableben einer Frau mit dem Namen ihres Mannes angekündigt wird, wenn also Louise de Montmollin, geborene Fritscher, gestorben ist (Name erfunden), dann heisst es in der Anzeige: Madame François de Montmollin ist gestorben. Und gleich darunter, kleingedruckt: geborene Louise Fritscher. Auch das ist sehr aristokratisch-altfranzösisch.

In der deutschsprachigen Schweiz wird viel schneller geduzt

In der deutschen Schweiz wird viel schneller geduzt, da kommt es immer häufiger vor, dass man in einem Laden als Kunde spontan vom Personal geduzt wird. Das würde in Paris als anmassende Anbiederung empfunden. Wenn ich zu einem Podiumsgespräch nach Zürich komme, bin ich gleich ab Begrüssung mit allen Gesprächspartnern per Du. Das ist zwar sympathisch, eigentlich, macht mir persönlich auch nichts aus, und ein Westschweizer wird gute Miene zum bösen Spiel machen, aber diese aufgezwungene Nähe nur wenig goutieren. Das Du anzubieten, ist am Genfersee immer noch ein bewusster Schritt zu mehr Nähe, zu Freundschaft und vertrauter Kollegialität, zu dem auch das Anstossen mit einem Glas Wein oder Champagner gehört. Natürlich duzen sich die Kollegen in den Firmen, und in den internationalen Unternehmungen, die stark angelsächsisch beeinflusst sind, sowieso. Aber sehr oft macht der Chef eine Ausnahme, er siezt die Mitarbeiter, ruft sie aber mit dem Vornamen. Mein Verleger in Lausanne hat mich immer mit «Peter, können Sie mal schnell in mein Büro kommen» gerufen. Ich habe ihn Monsieur oder Patron genannt. Aber nie mit dem Vornamen. Das ist völlig normal in Lausanne.

«Leider entspricht Dein Profil nicht unseren Anforderungen ...»

Deshalb waren die Mitarbeiter des gleichen Verlags sehr verlegen, als die Personalabteilung des neuen Besitzers aus Zürich kürzlich anordnete, künftig müssten Leute, auch im Welschland, im Stelleninserat geduzt werden. Und wenn ein Kandidat anruft, müsse er ebenfalls mit Du angesprochen werden. Am peinlichsten ist den Verantwortlichen, wenn sie, laut Weisung aus Zürich, auch die Absagen an wildfremde Leute mit der Ansage Du schreiben müssen : «Leider entspricht Dein Profil nicht unseren Anforderungen. Wir wünschen Dir weiterhin …» Und so weiter. Das wird im Welschland etwa gleich empfunden wie der Spruch des Türstehers aus einer beliebten deutschen Humorsendung: «Hier kommst Du nicht rein!» Also als grob und vulgär. Ein Verlag ist immer noch nicht ein Nachtclub.Das ist ein wichtiges Problem bei Fusionen und Übernahmen auch innerhalb der Schweiz: Eigentlich müssten Management und Besitzer die kulturellen Unterschiede unbedingt respektieren, auch in den Details. Sonst tut man den Menschen Gewalt an, beweist einen Mangel an Wertschätzung. Wobei ich sagen muss, dass ich es auch als Deutschschweizer in der deutschen Schweiz eher peinlich fände, wenn mich eine Personalabteilung schon bei der Bewerbung mit dem familiären Du ansprechen würde, noch bevor überhaupt ein erster Kontakt entstehen konnte. Und das Du bei der Absage empfände ich geradezu als zynische Demütigung, die an Filme erinnert, wo die Polizisten ihre «Kunden» respektlos duzen. Früher hat man einem forschen Duzer gesag: «Wann haben wir zusammen Schweine gehütet?» Tempi passati. Leider.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1