Kommentar

Ein Appell an die Coronaskeptiker: Richtig hinschauen statt jammern

Sucharit Bhakdi und seine Frau Karina Reiss.

Sucharit Bhakdi und seine Frau Karina Reiss.

Coronaskeptiker wie die Professoren Sucharit Bhakdi und Karina Reiss schüren Emotionen und lenken ab von der wirklichen Tragödie.

Wir ärgern uns über die befohlenen «Lumpen vor dem Gesicht», übertriebene Quarantäne-Verordnungen oder unsinnige Einschränkungen bei Massenveranstaltungen. Wir jammern, man habe uns unserer Menschenrechte beraubt, und schimpfen über einen diktatorischen Bundesrat. Verfassungsbruch, Ermächtigungsgesetz, Freiheitsberaubung, staatliche Lügenpropaganda – die Liste ist noch lange nicht fertig.

Das ist – mit Verlaub – Jammern auf unanständig hohem Niveau. Einverstanden: Die Covid-19-­Pandemie soll man keineswegs klein­reden, die Auswirkungen sind gewaltig. Für die Ökonomien der grösste Schock der jüngeren Geschichte. Auch in den reichsten Ländern wird das Ausbügeln der konjunkturellen Dellen Jahre dauern, und nicht alle zerstörten Existenzen werden wieder auferstehen.

In den ärmeren Ländern drohen Katastrophen, nicht nur konjunkturelle Dellen

Was das für die ärmeren Länder bedeutet, steht uns weniger vor Augen. Die WHO warnt vor Hungerkatastrophen. Die Gesundheitssysteme der meisten reichen Länder haben die erste Welle ausgehalten. Aber im Süden haben sich viele Strukturen aufgelöst, Impfprogramme gegen Infektionskrankheiten wie Aids, Tuberkulose oder Malaria sind zusammengebrochen. Die Folgen in diesen Ländern werden gravierend sein. Und wir werden sie auch spüren.

Weniger zu spüren ist von globaler Solidarität. Man liest von den vorbestellten Millionen von Impfdosen, welche sich die reichen Länder bei den Herstellern bereits gesichert haben. Wer konnte, hatte sich bei Pharmafirmen im eigenen und in anderen Ländern auch eingekauft.

Die Hoffnung auf den Impfstoff wird allerdings nicht von allen geteilt. Professor Sucharit Bhakdi und seine Frau, Professorin Karina Reiss, werden nicht müde, vor den Corona-Impfungen zu warnen. Besonders der neue mRNA-basierte Impfstoff, der die genetische Bauanleitung des Antigens (die Messenger-RNA) in die Zelle bringen soll, sei zu gefährlich, um ihn ohne ausgiebiges Testen anzuwenden.

Bhakdi und Reiss gehören zu den Wissenschaftern, die sich kritisch zu den Coronamassnahmen äussern. Ihr Buch heisst «Corona Fehlalarm» und ist ein Bestseller. Das Virus sei nicht gefährlicher als eine Grippe, die Einschränkungen seien gar nicht nötig, sagten sie in einem CH-Media-Interview. Das bringt viel Applaus von den Chören der Coronaskeptiker, welche Musik die auch sonst immer bevorzugen.

Wie soll man mit Kritikern wie Bhakdi/Reiss umgehen? Sie beklagen sich, sie würden nicht gehört, und inszenieren sich als Opfer. Bhakdi wendet sich an Schweizer Parlamentarier und mahnt sie an ihre Verantwortung (wegen des Covid-Gesetzes?). Auch Bundeskanzlerin Merkel bekam ihr Video. Und «ein gewisser Herr Drosten» bekommt in den Vorträgen immer wieder eins verpasst, weil er «den Menschen unnötig Angst macht».

Mehr wissen als Frau Merkel? Was soll das?

Bhakdi und Reiss sind nicht bornierte Ignoranten. Sie wissen, wovon sie reden. Aber leider wissen sie nicht, was sie reden sollten. Im Videovortrag erklärt Bhakdi den Leuten Virologie des ersten Semesters: «Passen Sie auf, Sie wissen jetzt etwas, was Frau Merkel nicht weiss.» Gegen das Virologie-Wissen und andere Vorbehalte, zum Beispiel wie die Ämter mit Zahlen umgehen, ist auch gar nichts einzuwenden. Aber das Geraune sollten sie lassen. Sie lenken uns damit ab, schüren in uns den Eindruck, wir seien die Opfer. Und verhindern, dass wir sehen, wo die Tragödie tatsächlich stattfindet.

Bhakdi erinnert gerne an die Schweinegrippe von 2009. Da sei auch nichts passiert. Da hat er recht, aber der Subtyp H1N1 war der gleiche wie der von 1918. Und 2020 wusste er sehr früh, fast schon bevor der Erreger aufgetaucht ist, dass das «einfach ein weiteres Coronavirus ist, nicht schlimmer als eine Grippe».

Vielleicht waren die Massnahmen zu einschneidend. Aber die Vorsorge scheint immer noch berechtigt. Wir haben entschieden, die Epidemie nicht einfach laufen zu lassen. Auch Schweden nicht. Und deshalb ist es jetzt eine Frage der Disziplin, dass wir mit dem Containment weitermachen. Ob Covid-19 eine gefährliche Sache war oder eine harmlos verlaufene wie 2009, werden wir ohne­hin erst später aus historischer Warte wissen.

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