Bei den Verbrechen an bis zu 1,5 Millionen Armeniern handelte es sich um Völkermord. Darin sind sich die meisten westlichen Historiker einig. Unbestritten ist auch, dass das Deutsche
Kaiserreich für den Genozid mitverantwortlich ist. Im Ersten Weltkrieg war es mit dem Osmanischen Reich (aus dem später die Türkei hervorging) verbündet. Es wusste von den Massakern – und schwieg, ja war sogar daran beteiligt. Auch das ist unbestritten.

Doch im Gegensatz zur Türkei, wo die Armenier-Morde noch heute ein Tabu-Thema sind, stellt sich Deutschland seiner historischen Verantwortung. Das geht so weit, dass der Deutsche Bundestag jetzt eine ArmenienResolution verabschiedet hat, in der die Verbrechen beim Namen genannt werden.

Und das, obwohl die Türkei sowie türkische Verbände in Deutschland starken Druck auf die Bundestagsabgeordneten ausübten.

Soll man nun die Parlamentarier in Berlinfür ihren Mut bewundern? Nein. Gewiss: Die Resolution ist ein Signal. Aber es kommt zum falschen Zeitpunkt und schadet mehr, als es nützt. Ursprünglich sollte die Entschliessung 2015, im Gedenkjahr des Genozids, verabschiedet werden. Unterdessen hat sich das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei angesichts der Flüchtlingskrise, der Diskussion um die Visafreiheit und der Allmachtsansprüche des türkischen Präsidenten grundlegend geändert.

Natürlich muss der Bundestag deswegen nicht vor Erdogan kuschen. Aber es hilft auch nichts, wenn eine Abstimmung über einen 100 Jahre zurückliegenden Völkermord in einer politisch ohnehin angespannten Situation zu einer Demonstration des Widerstands gegen einen autokratischen Staatschef hochstilisiert wird.