Kleider machen Leute» – den Satz lassen wir hier mal einfach stehen. Und sagen, der Satz stimme. Obwohl man natürlich sofort fragen müsste: Was sind denn das für Leute, die andere Leute nach den Hüllen beurteilen, die sie tragen?

Der Satz – «Kleider machen Leute» – stimmt wohl deshalb, weil sich an der Oberflächlichkeit des Blicks bei uns allen nie etwas ändert. Darum konnte Hauptmann Köpenick, der Hochstapler, mit einer falschen Uniform so weit in Macht und Ämter reinspazieren (und beim «Spiegel» Claas Relotius so lange Märchen erzählen).

In einer Sphäre aber stimmt der Satz gar nicht, «Kleider machen Leute» – bei der Sprache. Natürlich hört man hie und da, die Sprache «kleide» eine bestimmte Person. Manager und Werber reden vom «Anpassen des Sprachkleids», als wäre alles Putz und Kosmetik.

Trotzdem ist Sprache – bei Licht besehen – nicht das Kleid einer Figur, sondern deren Gestalt, wenn nicht gewissermassen gar die Figur selber. Zwingli hätte darauf nicht zweimal aufmerksam gemacht werden müssen. Exakt darum wurde er ja zum Zwingli, den wir in diesem Jahr zu Recht feiern.

«Am Anfang war das Wort» – das steht nicht in der Bibel als «Auftakt-Hammersatz», wie Werber und Textdesigner das heute nennen. Es steht da als Wort zum Akt der Schöpfung, weil es ohne Sprache undenkbar ist, Welt zu erschaffen. Kein Fühlen, kein Wissen und Erinnern. Weder Geschichte noch Mythos, keine «Identität» und Heimat. Zwingli übersetzte die Bibel aus Einsicht in das Wesen der Sprache.

Das Wort Gottes sollte den Leuten in Fleisch und Blut übergehen, in Form starker Bilder, nicht als reale Substanz in Form von Brot und Traube, wie Luthers post-katholischer Aberglaube lautete. Zwingli dagegen vertraute auf Bilder, weil er das Sprachschöpferische im Sprachmächtigen erkannte. Als «begnadeter Redner» – und nebenbei: nicht weniger als Meister der Schrift. Wer ihn reden lassen will (etwa in einem Zwingli-Film), der muss sich schon gut überlegen, wie er das umsetzt.

Der Film «Zwingli» läuft morgen an in den Kinos. Dass man ihn sehen sollte, steht ausser Frage. Auch wenn am Film indirekt etwas spürbar würde, das man lange gar nicht bestimmen könnte. Etwas daran «stimmt einfach nicht». Es ist die im Film verwendete Sprache. Das ist zunächst mal Dialekt – schwierig, den glaubwürdig «rüberzubringen», wie alle Schauspieler wissen (okay, Schnarrendeutsch wäre noch irritierender).

«Zwingli» – der Trailer zum Film

Zweitens aber ist es Dialekt, der sich überwiegend ausrichtet an der heutigen Art, zu reden. Im Film sagt zum Beispiel Zwingli: «Alles werde ich hinterfragen …» (einen Teufel hätte der Reformator getan, ein solch albernes Verb wie «hinterfragen» zu gebrauchen).

Oder er sagt: «Das funktioniert einfach nicht …» (ts ts – «funktionieren»). Der Gesandte der katholischen Kurie sagt zu den Abtrünnigen: «Der Bischof findet das gar nicht lustig …» Da lachen die Leute im Kino, aber ist das «lustig»? Und Zwinglis Sohn, der sich ein Instrument wünscht, sagt: «Bitteee!» Wie der Agglo-Bengel heute mit umgedrehter Baseball-Mütze und Skateboard unterm Arm.

Nichts gegen Jugend! Dass gerade sie an Zwingli Gefallen finden könnte, ist überhaupt nicht ausgeschlossen. Schliesslich fuhr der Mann ab auf Musik und gründete coole Schulen, erheblich freier als die sonst so muffig düsteren Stuben. Von Anfang an dachte man daran, den «Zwingli»-Film auch an Schulen zu präsentieren. Und zu diesem Zweck das Skript sprachlich «anzupassen». Wohl kaum die Idee des Regisseurs. Und ein Grundirrtum – jetzt nicht mehr zu ändern.

Mit erheblichem Kollateralschaden vor allem darum, weil der Film sonst – ungemein aufwendig, schon beinahe fanatisch – auf jedes noch so kleine Detail achtet, um die Luft in den Strassen, die Kleider, schmutzigen Gesichter, irgendwie sogar die Gerüche des 16. Jahrhunderts nahezubringen. Um diese Anschaulichkeit mit heutigen Sprechblasen wieder auszupusten?

Jeder weiss, wie peinlich es ist, sich via Jargon der Jugend anzubiedern – «fremdschääm, im Fall». 1996 kam «Romeo und Julia» in die Kinos, von Baz Luhrmann. Mit schnellen Schlitten, rivalisierenden Strassengangs, Flirts in Shopping-Malls, urbanem Tempo. Und mit Shakespeares alter unangetasteter Sprache.

Weil man wusste: Nur darin bleiben Romeo und Julia so gegenwärtig wie lebendig. Die Jugend lief in Scharen in die Kinos; es «funktionierte»! Es ist wie bei den Kleidern: Den Geist der Jungen muss man ernst nehmen, nicht ihre Moden und Macken.