Kolumne

Entwicklungshilfe

Milena Moser Die Schriftstellerin zog 1998 mit ihrer Familie für acht Jahre nach San Francisco. Zurück in der Schweiz gründete sie eine «Schreibschule». 2015 zog sie erneut in die USA, diesmal nach New Mexico.

Milena Moser Die Schriftstellerin zog 1998 mit ihrer Familie für acht Jahre nach San Francisco. Zurück in der Schweiz gründete sie eine «Schreibschule». 2015 zog sie erneut in die USA, diesmal nach New Mexico.

Brenda ist pensioniert und meldete sich fürs Peace Corps an. «Entwicklungshilfe», fällt uns dabei ein. Brenda aber machte beim Dienst eine überraschende Entdeckung.

Brenda küsst erst den Yogalehrer und dann den Barista, der ihr ein schiefes Palmblatt in den Milchschaum ihres Cappuccinos gezeichnet hat. Auf meinen Blick hin verteidigt sie sich: «Was schaust du so? Ihr Schweizer küsst doch auch jeden, dem ihr begegnet! Und dann gleich dreimal!» Brenda weiss, wovon sie redet, sie hat gerade sechs Wochen im Tessin verbracht, wo sie das leer stehende Ferienhaus amerikanischer Freunde hütete. So kam es auch zu diesem spontanen Zusammensitzen zweier Fremden nach der Yogastunde: «Ach, du bist aus der Schweiz, was für ein Zufall, ich war gerade dort, hast du Zeit für einen Kaffee?» Aus der Schweiz zu sein, hat seine Vorteile. Trotzdem nehme ich meinen doppelten Espresso ohne dreifachen Kuss entgegen.

Wir setzen uns in den lauschigen Garten an einen grossen Tisch, der als «community table» angeschrieben ist, doch wir sind die einzigen, die keine Bildschirme vor sich haben und miteinander reden. Stören tun wir damit niemanden, denn alle anderen haben Stöpsel in den Ohren.

«Willkommen in Techie-town», sage ich. – «Alles ist anders», bestätigt Brenda. «Und doch irgendwie gleich.»

Vor zweieinhalb Jahren wurde sie pensioniert und konnte sich das Leben in San Francisco, der teuersten Stadt der Vereinigten Staaten nicht mehr leisten. Statt aber nun aufs Land zu ziehen, meldete sie sich beim Peace Corps. Diese uramerikanische Institution wurde 1960 vom damaligen Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy mehr aus Versehen ins Leben gerufen. Morgens um zwei hielt er eine Rede vor übernächtigten Studenten der Universität von Michigan. Die Presse schlief schon, als er folgende folgenreiche Fragen stellte: «Wie viele von euch angehenden Ärzte wären bereit, Zeit in Ghana zu verbringen? Techniker oder Ingenieure, wie viele von euch wären bereit, Entwicklungshilfe zu leisten und ein Leben lang um die Welt zu reisen? Von eurer Bereitschaft, dies zu tun, und zwar nicht nur ein oder zwei Jahre zu dienen, sondern einen Teil eures Lebens beizutragen, von dieser Bereitschaft hängt es ab, ob eine freie Gesellschaft konkurrenzfähig sein kann. Ich glaube, dass sie das kann! Und ich glaube, dass Amerikaner bereit sind, etwas beizutragen. Aber der Aufwand muss sehr viel grösser sein als alles, was wir in der Vergangenheit geleistet haben.» Ein Jahr später wurde der Peace Corps ins Leben gerufen, der seither über eine Viertelmillion Freiwillige in 55 Ländern eingesetzt hat.

Ich dachte immer, so ein Einsatz gehöre im Lebenslauf idealistischer Amerikaner irgendwo zwischen Universitätsabschluss und Berufsleben, aber ich liege falsch. Ein grosser Teil der Freiwilligen sind Pensionäre wie Brenda. «Es gibt keine obere Altersgrenze», bestätigt sie. «Die älteste in meiner Ausbildung war 87, die hat mehr Interviews gegeben, als gearbeitet.» Täusche ich mich, oder klingt da ein bisschen Neid mit? «Wir hatten aber auch ein pensioniertes Ärzteehepaar, die haben Impfkliniken aufgebaut.» Brenda selber hat Englisch und Buchhaltung unterrichtet, und dabei «mehr gelernt als meine Schüler».

Doch diese Einsätze sind nicht rein altruistisch motiviert. Mehr und mehr Pensionierte der Mittelschicht, Lehrer, Sozialarbeiter, Krankenschwestern können sich den «american way of life» schlicht nicht mehr leisten. Die Träume, die Versprechen ihrer Jugend werden nicht erfüllt. Es gibt keinen goldenen Lebensabend für sie, keine Musse, keine Reisen, keine Sonnenuntergänge am Strand. Der Peace Corps verlangt einiges, aber er öffnet auch Möglichkeiten: Reisen, fremde Länder, neue Bekanntschaften. Zweieinhalb Jahre lang versorgt sein, Kost, Logis und Krankenversicherung. Und am Ende ihres Einsatzes kriegen die Freiwilligen 10 000 Dollar ausbezahlt, die ihnen helfen sollen, wieder Fuss zu fassen – wenn auch vielleicht nicht gerade in San Francisco. Brenda weiss noch nicht genau, was sie jetzt machen will.

«Der Aufenthalt in der Schweiz direkt nach meinem Einsatz hat mir die Augen geöffnet», sagt sie. «Ich bin ja mit der Idee aufgewachsen, im besten Land der Welt zu leben. Aber das ist nicht mehr so. Amerika ist auch ein Entwicklungsland – irgendwo zwischen Ghana und der Schweiz . . .

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