Kommentar

Erdogans Militäreinsatz in Syrien: Warum die Türken scheitern werden

Boden-Truppen der mit der Türkei verbündeten Freien Syrischen Armee stürmen das kurdische Gebiet im Norden Syriens.

Boden-Truppen der mit der Türkei verbündeten Freien Syrischen Armee stürmen das kurdische Gebiet im Norden Syriens.

Eine Analyse zur türkischen Militäroffensive gegen die Kurden in Syrien von Türkei-Korrespondent Thomas Seibert.

Mehr als 100 Tote und mehr als 60 000 Menschen auf der Flucht: Das ist das traurige Ergebnis zwei Tage nach dem Start der türkischen Offensive im Norden Syriens. Die türkische Regierung betrachtet die Militärintervention «Operation Friedensquelle» als legitimes Mittel, um kurdische Extremisten im Nachbarland zu bekämpfen und die Rückkehr syrischer Flüchtlinge in ihr Heimatland zu ermöglichen.

Doch Ankara wird die gewünschten Ziele kaum erreichen. Es gibt drei gewichtige Gründe dafür, wieso die Militäraktion scheitern dürfte:

Erstens verfolgt die Türkei mit dem Einsatz völlig unrealistische politische Ziele. Zwar hat die Türkei ein berechtigtes Interesse daran, sich vor der kurdischen Arbeiterpartei PKK und deren syrischen Ableger YPG zu schützen. Beide Gruppierungen erachtet Ankara als Terrororganisationen.

Doch der Einmarsch wird das türkische PKK-Problem nicht lösen. Ohne politische Initiativen zur Lösung der Kurdenfrage wird die Wirkung des Angriffs rasch verpuffen. Westlich vom derzeitigen Einsatzgebiet hält die Türkei seit mehr als drei Jahren syrisches Gebiet besetzt, ohne dass Ankara diese Gegenden bisher dauerhaft befrieden konnte.

Es ist zudem sehr unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit mehrere Millionen Syrer aus der Türkei in neue Dörfer in der angestrebten «Sicherheitszone» in Syrien gebracht werden können, wie Ankara das anstrebt. Die meisten Syrer in der Türkei kommen aus anderen Gegenden des Bürgerkriegslandes und werden kaum freiwillig in ein Gebiet ziehen, das ihnen fremd ist. Ohne Frieden in ganz Syrien werden die allermeisten Flüchtlinge auch in Zukunft in der Türkei bleiben wollen.

Zweitens hat sich Ankara mit der Militäraktion international isoliert: Amerikanische Politiker beider Parteien arbeiten sogar an Sanktionen gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan persönlich. Die türkische Regierung wurde von den überwiegend negativen Reaktionen kalt erwischt. Er habe nicht gewusst, dass die kurdischen Extremisten im Ausland so beliebt seien, sagte Aussenminister Mevlüt Cavusoglu voller Enttäuschung.

Wegen der Kritik des Westens fehlt auch die Unterstützung, die für die Umsiedlung syrischer Flüchtlinge in die geplante «Sicherheitszone» nötig wäre. Die EU liess die Türkei bereits wissen, dass sie sich nicht an den geschätzten Kosten von 23 Milliarden Euro für das Projekt beteiligen wird.

Die Türkei kann darüber hinaus auch nicht darauf hoffen, von anderen Staaten bei der Befriedung besetzter Gebiete in Syrien unterstützt zu werden. Nicht einmal Russland oder der Iran, mit denen die Türkei in Syrien zusammenarbeitet, haben bisher Unterstützung für den Angriff erkennen lassen.

Insbesondere die Zukunft der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) wird darüber entscheiden, ob die türkische Syrien-Mission am Ende international als Erfolg oder Misserfolg gewertet wird. Sollte der IS wegen der türkischen Militäraktion seine Macht wieder ausbauen können und Gefangene aus den Gefängnissen in der Region befreien, wird Ankara international am Pranger stehen.

Drittens wird Erdogans Regierung ihre innenpolitischen Probleme mit Hilfe des Syrien-Feldzugs nicht lösen können. Manche Beobachter erwarten, dass sich der Präsident mit einem relativ kurzen Einmarsch zufrieden geben wird, um sich vor den Wählern als erfolgreicher Feldherr präsentieren und danach vorgezogene Neuwahlen ausrufen zu können.

Die meisten Türken nehmen die Intervention allerdings nur als notwendiges Übel hin, von Kriegsbegeisterung ist nichts zu spüren. Wichtiger für die meisten Wähler ist die schlechte Lage der Wirtschaft – und da hilft der Krieg nicht, im Gegenteil: Die türkische Lira verliert wegen der US-Sanktionsdrohungen an Wert. Zudem hat Erdogan hohe Erwartungen an eine baldige Rückführung von Millionen Flüchtlingen geweckt, die er kaum erfüllen kann. Die Syrien-Intervention könnte sich für den Präsidenten als Bumerang erweisen.

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